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Nationalpark Thayatal: eine Grenze im Fluss

gepostet von Stadtstreunerin | Eva 1. November 2022

Das Nationalparkprojekt geht in die zweite Runde! Nach der Wanderung durch die wilde Mitte Österreichs – den Nationalpark Kalkalpen – fahren wir ein paar Wochen später gen Norden. Hier, an der Grenze zu Tschechien, entfaltet sich eine einzigartige Flusslandschaft: Die Thaya hat mit ihren Schleifen ein weitgehend unberührtes Tal geschaffen, das von hohen Hügeln umgeben ist.

Der Fluss hat jahrzehntelang die unrühmliche Funktion einer kaum überwindbaren Grenze zwischen Ost und West gehabt. Heute sind Bunker, Zollhäuser und Grenzbalken obsolet, stattdessen schließt am anderen Ufer der Národní park Podyjí an. Der Nationalpark Thayatal ist also ein Doppelnationalpark  – und bietet eine Wanderung mit Grenzerfahrung! 

Der Nationalpark Thayatal/Národní park Podyjí 

  • Größe: 1.360 Hektar (Österreich)/6.340 Hektar (Tschechien)
  • Gründung: 2000/1991 
  • Bundesland/Region: Niederösterreich/Südmähren
  • Besonderheiten: Internationaler Nationalpark, Wildkatzenpopulation, große Artenvielfalt 
  • Mehr Informationen: https://www.np-thayatal.at/ und https://www.nppodyji.cz/

Hinein in den Herbst!

Über ein Feld nach Tschechien

An einem regnerischen Samstagvormittag im Oktober fahren Helmut und ich per Bahn und Bus in das winzige Dorf Felling in Niederösterreich. Von dort aus gehen wir schnurstracks über ausgedehnte Felder, die in der nebligen Landschaft noch endloser wirken als sonst. Schon nach einer Viertelstunde erreichen wir die Staatsgrenze.

Die teilweise rostigen Schilder machen es uns schwer, die Grenze wirklich ernst zu nehmen – und noch schwerer ist es, sich vorzustellen, dass hier mal ganz real “Ende Gelände” war. Der Eiserne Vorhang ist glücklicherweise längst Geschichte! Heute spazieren wir ohne jede Kontrolle einfach hinüber und erreichen bald das ebenso winzige Dorf Podmyče. 

Eine mäßig beeindruckende Grenzerfahrung

Achtung, Staatsschild!

Nicht zu sehen: die bellenden Hunde von Podmyče

Herbstblumen im Garten

Stadt mit Schloss: Vranov

Die weitere Strecke bis zu unserem Tagesziel führt uns zwar noch nicht durch den Nationalpark, aber wir nähern uns mit jedem Schritt der Thaya an. Zuerst kommen wir noch an einigen Bunkern und anderen Relikten aus längst vergangenen Tagen vorbei. Im Wald freunden wir uns mit einem Hund an und später sehen wir liebevoll gepflegte Gärten, die richtig übergehen vor lauter Herbstschmuck.

Waldhund mag uns

Es werde Licht: Lampionpflanzen

Apfel statt Kürbis zu Halloween?

Am späteren Nachmittag erreichen wir die Stadt Vranov nad Dyjí (dt. Frain an der Thaya), über der ein imposantes Schloss thront. Hier sehen wir auch endlich die Thaya, die dunkel und träge mitten durch den Ort fließt. Etwas nördlich davon ist der Fluss zu einem See aufgestaut, der im Sommer sicherlich ein beliebtes Ausflugsziel ist.

Jetzt dagegen sind alle Lokale geschlossen, die Ausflugsschiffe sind vertaut. Wir hören hauptsächlich das Surren der Turbinen und das Prasseln des Regens. Ab ins Warme! Wir stärken uns in dem Gasthaus Buď Laska mit ukrainischen Spezialitäten, bevor wir unser Zimmer in einer Pension beziehen – natürlich ein Zimmer mit Thaya-Blick. 

Thaya, Schloss und Regen in Vranov

Die Staumauer

Düsterer Herbst

Ein Blick zurück nach Frain

Vranov teilt sich mit vielen anderen Städten in Tschechien eine Geschichte der Vertreibung und Neubesiedlung. Bis 1945 war die Bevölkerung überwiegend deutschsprachig. Was im Dritten Reich ein Vorteil war, wurde in der Tschechoslowakei nicht mehr geduldet. Die neuen Machthaber:innen siedelten die Menschen zwangsweise nach Westdeutschland aus oder vertrieben sie nach Österreich. Heute ist die Stadt längst tschechisch geprägt, aber manche deutsche Aufschriften geben noch einen Hinweis auf die frühere Geschichte. 

Die Geschichte der Grenze ist allzu oft auch eine Geschichte der Ausgrenzung. Der Fluss selbst kann nichts dafür: Die Thaya fließt heute ebenso ruhig vor sich hin wie eh und je. 

“Hier ruehet” – deutsche Inschriften auf Gräbern

In den Nationalpark eintauchen

Am nächsten Tag wachen wir im dichten Nebel auf, das Schloss ist kaum zu sehen. Aber die Thaya leitet uns durch die zunehmend wildere Landschaft. Doppelte rote Striche auf den Bäumen weisen darauf hin, dass dahinter die streng geschützte Ruhezone beginnt. Endlich sind wir im tschechischen Teil des Nationalparks!

Wir überqueren die Thaya über eine Hängebrücke, besteigen den ersten Hang, ziehen eine Schleife durch den Wald und erreichen einen Aussichtspunkt. Zu sehen: Nebel. Aber das herbstliche Farbenspiel sorgt für ausreichend Abwechslung. 

Baba, Vranov!

Über die Hängebrücke

Gesteinsformationen im Eichenwald

Nicht viel zu sehen…

…das Laub sorgt für mehr Farbe als der Himmel

Den Mutigen gehört der Nationalpark!

Die kleinste Stadt Österreichs

Um die Mittagszeit überqueren wir erneut den Fluss und damit die Grenze zwischen Österreich und Tschechien. Wir kommen nach Hardegg, bekannt als die kleinste österreichische Stadt mit nur 86 Einwohner:innen (gezählt ohne die eingemeindeten Orte), und legen eine längere Rast am Thaya-Ufer ein.

Dabei schauen wir wieder auf Relikte der ehemaligen Grenzanlagen: eine eigenartige, direkt klaustrophobe Vorstellung, dass das in einem Talkessel gelegene Hardegg vor nicht allzu langer Zeit der letzte Außenposten vor dem Eisernen Vorhang war. Die Brücke über die Thaya ist erst seit 32 Jahren wieder geöffnet. Da war ich schon auf der Welt! 

Hardegg von oben

Ein Bunker an der Grenze

Zollhaus und Brücke über die Thaya

Während wir essen, klart der vorher so undurchdringliche Nebel rasch auf. Die zweite Tageshälfte verbringen wir in einer ganz anderen Landschaft: Hell und leuchtend zeigen sich jetzt die Wälder, die wir auf unserem weiteren Weg durchqueren. Auf der österreichischen Seite führt der Weg lange direkt an der Thaya entlang. Ganz klar eine Einladung, ein kleines Bad in den kühlen Fluten zu nehmen und in der Grenze zu schwimmen! 

10 Grad Wassertemperatur – kein Problem!

Ein Hort der Artenvielfalt

Der zweite Wandertag ist anstrengender als der erste: Ständig geht es bergauf, dann wieder bergab, vom Fluss weg und wieder zurück zu seinen Ufern. Die Thaya hat in den vergangenen fünf Millionen Jahren mit ihren vielen Schlingen eine besondere Landschaft geformt, die von einem Wechselspiel aus Sonne und Schatten geprägt ist. Dadurch fühlen sich hier besonders viele Tiere und Pflanzen zuhause: sogar Arten, die sonst nur in den Alpen oder am Mittelmeer vorkommen. 

Eine Besonderheit gibt es hier auch: Im Thayatal sind die seltenen Wildkatzen heimisch. Die scheuen Verwandten der Hauskatzen galten in Österreich lange als ausgestorben, seit einigen Jahren ist aber eine kleine Population nachweisbar. Da die Wildkatzen eine intakte, naturnahe Waldlandschaft mit vielen alten Bäumen zum Überleben brauchen, handelt es sich um ein echtes Kompliment an den Nationalpark! 

Sonnenbank

Blick zurück zum Schloss Hardegg

Krebse, Muscheln & Perlmutt

Von den vielen Arten bekommen wir nicht viel mit: Die Blumen sind verblüht, die Tiere ziehen sich zurück. An einem Bach hätten wir noch die Chance, Muscheln und seltene Flusskrebse zu sehen – leider lässt sich niemand blicken. Aus den Muscheln wurde früher Perlmutt hergestellt. Immer noch gibt es hier eine Perlmuttdrechslerei – die einzige in ganz Österreich –, aber mittlerweile kommt der Rohstoff für die Knöpfe nicht mehr aus dem Thayatal.

Hier ist alles streng geschützt – bis auf die Grenze zwischen Österreich und Tschechien, die heute kaum noch überwacht wird. Gut so!

Zum Abschluss kommen wir noch an der verwunschenen Burgruine Kaja vorbei, bevor wir in Merkersdorf – schon wieder ein winziges Dorf – in den Bus steigen. Über Retz geht es dann rasch zurück nach Wien. So nah ist das Thayatal, und doch eine ganz eigene Welt!

Bis zum nächsten Wanderwochenende! 

Ein Portal in eine andere Welt


Weiterlesen:

Das Nationalparkprojekt, Teil 1 – der Nationalpark Kalkalpen: https://stadtstreunen.at/nationalpark-kalkalpen-die-wilde-mitte-oesterreichs/ 

Mehr über Wildkatzen: https://www.wildkatze-in-oesterreich.at/ 

Alle Fotos, auf denen ich zu sehen bin, das Titelbild und das Hunde-Foto © Helmut


Warst du schon einmal im Nationalpark Thayatal wandern? Welche Erfahrungen hast du gemacht? Schreibe es gerne in die Kommentare! 

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