Die Stadt, ein Wunder: Venedig

von Stadtstreunerin | Eva

Die norditalienische Stadt Venedig, malerisch in einer Lagune gelegen, ist unzählige Male auf Papier, in Pixeln und Postings festgehalten worden – so oft, dass der österreichische Schriftsteller Karl-Markus Gauß Zweifel äußert, ob dieses Venedig überhaupt real ist:

Venedig ist eine Stadt aus Papier, zahllos sind die Beschreibungen, Hymnen, Lobreden, die gelehrten Studien und emphathischen Bekenntnisse, die ihr über die Jahrhunderte gewidmet wurden. (…) Wie soll es da ein wirkliches Venedig geben?

Ist Venedig echt oder nicht: eine Frage, über die ich zugegebenermaßen nicht nachdenke, als ich mich gemeinsam mit meinem Reisegefährten Andreas für eine Woche Urlaub in Venedig entscheide, Massentourismus hin oder her. Stattdessen stehen wir vor praktischen und sehr realen Fragen: Führt uns diese Gasse irgendwohin oder ist sie am nächsten Kanal zu Ende? Finden wir je wieder zurück, wenn wir diese Brücke überqueren? Wie können wir uns am elegantesten durch die Menschenmengen schlängeln? Und wo gibt es hier den besten Kaffee?

Millionen von Menschen…

…Millionen von Fotos!

Und noch eines 🙂

Menschen im Bild

Eine Stadt zum Staunen

Ich bin nicht zum ersten Mal in Venedig, aber die Stadt verfehlt auch diesmal ihre Wirkung nicht. Jeder Winkel lädt zum Bestaunen ein, jedes Haus weist eine Besonderheit auf, und erst die Paläste und die Brücken! Die ersten Tage spazieren wir vom Bahnhof aus einfach drauflos und lassen uns überraschen. Venedig ist dafür gebaut, um sich lustvoll zu verirren, und fast bin ich ein bisschen enttäuscht, als es dann doch Wegweiser gibt, die den Weg zum Markusplatz und der Rialto-Brücke weisen.

Wegweiser mit Raben

Rosa Kirche, rosa Lampe

Ton in Ton

Aus Papier besteht Venedig jedenfalls nicht, so viel steht schon bald fest. Trotzdem kann es nicht schaden, sich gelegentlich an die Fassaden anzulehnen, um die Echtheit der Ziegel und des Putzes zu überprüfen. Die Kanäle lasse ich allerdings aus, nachdem ein italienischer Freund mich mal eindringlich gewarnt hat: „Wenn du auch nur eine Hand in das Wasser von Venedig hältst…“. Ich will nicht herausfinden, was dann passiert!

Tauben- und Touri-Schreck

Die Stadt ist durchzogen von Kanälen; schon bald ist es keine Überraschung mehr, wenn wir wieder über eine Brücke gehen müssen. Was aber die ganze Zeit über faszinierend bleibt: Wie konnte Venedig überhaupt gebaut werden? Warum ist die Stadt so wundervoll schön? Und warum schmeckt der Kaffee hier so viel besser als zuhause? 

Häuser am Prüfstein

Fassaden über Fassaden

Schon wieder eine Brücke!

Venedig inspizieren

Die Erfindung des Ghettos

Das Venedig von heute ist eine Stadt, die zu einem großen Teil auf die Bedürfnisse von Tourist*innen ausgerichtet ist. Ich bin mit der Ansammlung von Souvenirläden und Muranoglas-Geschäften nicht einverstanden, aber nachdem ich selbst als Touristin hier bin (und mit Freude meine Muranoglas-Sammlung erweitere), darf ich mich nicht allzu laut darüber beklagen.

Glücklicherweise gibt es abseits der viel begangenen Routen (um nicht zu sagen, der Trampelpfade) in dieser Stadt der Vielfalt noch vieles zu entdecken. Am eindrücklichsten ist für mich das ehemalige Ghetto von Venedig.

Alltag neben dem Massentourismus

In Venedig wurde das Ghetto erfunden, der Begriff selbst zeugt davon: Gheto oder Ghetto ist ein italienisches Wort, das mittlerweile weltweit als Begriff für abgeschlossene, marginalisierte, stigmatisierte Siedlungen geläufig ist. Begonnen hat es hier, im Jahr 1516, als die Jüdinnen und Juden der Stadt in einem ihnen zugewiesenen Viertel wohnen mussten. In Venedig ist es leicht, ein solches Ghetto zu etablieren: Lediglich zwei Brücken wurden abends gesperrt, schon war das Viertel abgeriegelt. 

Heute, Jahrhunderte später, leben rund um den großen Platz und in den schmalen Gassen rundherum kaum noch Menschen jüdischen Glaubens. Dennoch gibt es eine koschere Bäckerei und ein Restaurant mit israelischer Küche; ein Souvenirladen bietet jüdische Motive aus Muranoglas an, die vor allem bei Besucher*innen aus den USA beliebt sind, wie mir der Verkäufer erzählt (und bei mir – ja, auch hier wird meine Sammlung erweitert!).

Es heißt wirklich so!

Historische Hochhäuser

Shalom!

Die levantinische Synagoge

Das Ghetto ist heute eine touristische Sehenswürdigkeit, wo die Sehnsucht nach dem Jewish Heritage gestillt werden kann, aber auch ein Ort, an dem sich das ganz normale Alltagsleben abspielt. Während wir ehrfürchtig die hebräischen Aufschriften auf den Häusern bewundern, jagen zwei Kinder den Tauben am Platz nach und kreischen dabei vor Vergnügen.

Verrückt in Venedig

Gerade mal 20 Minuten braucht das Vaporetto, um uns vom Markusplatz auf die Insel San Servolo zu bringen. Die Insel bietet uns beinahe in Sichtweite der Menschenmengen eine idyllische Ruhe, die wir in Venedig nicht für möglich gehalten hätten. Auf der Insel befinden sich verstreut einige niedrige Häuser, die für Studierende gedacht sind, aber offenbar wegen der Corona-Pandemie schon länger verwaist sind. Außerdem gibt es hier ein interessantes Museum – il Museo del Manicomio, das Museum des Wahnsinns.

Genauer gesagt, das Museum der ehemaligen Nervenheilanstalt auf San Servolo: Hier wurden früher – bis 1978 – Menschen mit psychischen Krankheiten untergebracht. Lange bevor der Psychiatrie wirkungsvolle Medikamente zur Verfügung standen, wurde hier versucht, den Patient*innen zu helfen – manchmal mehr, manchmal weniger erfolgreich.

Die Kirche von San Servolo

Erinnerung an die früheren Bewohner*innen

Der erhaltene Seziertisch

Die Ausstellungsräume des Museums verschweigen nicht, dass auf San Servolo auch Foltermethoden zum Einsatz kamen: Eiskalte Duschen, tagelange Bäder, elektrische Schläge und Fesseln waren hier nicht ungewöhnlich, um dem vermeintlichen Wahnsinn zu begegnen.

Dennoch war die Anstalt nicht nur ein Ort des Schreckens. Tatsächlich wurden hier auch innovative Methoden ausprobiert, wie Musiktherapie, gemeinsames Basteln oder Spazieren. Nicht zuletzt hat auch eine ordentliche Ernährung dazu beigetragen, manche Leiden wie von selbst verschwinden zu lassen.

Blick auf die Nachbarinsel San Lazzaro

Begraben auf der Insel

Wieder zurück am Markusplatz, kämpfen wir uns durch die Menschenmengen. Die Architektur des Palazzo Ducale (Dogenpalast) und der Markuskirche zu bewundern, ohne sich vom Trubel rundherum ablenken zu lassen, ist eine Übung in Gelassenheit. All diese Menschen, die für ein Selfie vor den Gondeln posieren, Stadtpläne ausbreiten, hektisch nach Taschentüchern suchen oder ihre Kinder zu sich rufen – ich frage mich, ob sie Venedig wirklich sehen können. Aber ist das überhaupt relevant?

Ein Platz wie im Märchen: der Markusplatz

Abends in Venedig

Venedig ist trotz allem kein Museum, sondern eine lebendige Stadt. Dazu gehört auch, dass hier Menschen nicht nur leben, sondern auch sterben und begraben werden. Die Friedhöfe von Venedig finden sich nicht rund um den prächtigen Canal Grande, sondern sie sind, wie es hier Tradition ist, auf Inseln ausgelagert.

Das bringt mit sich, dass die Friedhöfe, die wir besuchen, auch ruhige, begrünte Orte sind, weit weg von der dicht verbauten, mitunter ziemlich stressigen Stadt. Neben dem zentralen Friedhof auf der rechteckigen Insel San Michele finden wir auch am Lido einen Friedhof, der über eine jüdische Abteilung verfügt. Leider ist das Gelände versperrt, aber wir lugen einfach durch die Gitterstäbe hindurch. 

Eine Oase!

Ein eleganter Grabstein

Jüdischer Friedhof am Lido

R.I.P. auf Hebräisch

Das Eingangsportal

Schwimmen am Lido

Und wenn wir schon am Lido sind, darf ein Bad im Meer nicht fehlen! Ende Oktober hat das Wasser noch um die 16 Grad und ich bin nicht die einzige, die sich in die frischen Wellen wirft, aber allzu viele tun es mir dann doch nicht gleich. Hier, auf der vorgelagerten, langgestreckten Insel, die das Meer von der Lagune abgrenzt, finden wir Weite und Ruhe; etwas, das in der Stadt selbst kaum vorhanden ist.

Hinein in die frischen Wellen

Tanzstunde am Strand

Fundstück!

Im herbstlichen Sonnenschein schmeckt der „Spritz“, der typisch venezianische Drink, besonders gut, und gegen Abend tauchen von überall her verkleidete Kinder auf. Geschmückt mit Kürbissen, Spinnweben und gruseligen Zähnen ziehen sie durch die Lokale des Lidos und fordern Süßigkeiten. Ein Kellner erschreckt sie mit einer Garnele, alle lachen. 

„Spritz“ mit Chips

Eine Fledermaus!

Halloween am Lido zeigt uns einmal mehr, wie sehr die Stadt versucht, ihr Alltagsleben gegen die Unmengen an Tourist*innen zu behaupten. Am Ende der Woche in Venedig sind wir zwar erleichtert, dass wir dem Tourismus-Dilemma entkommen, aber ein bisschen wehmütig werden wir dann doch, als der Zug die Lagune durchquert. In diesem Sinne: Ciao Venezia, ci vediamo presto! 


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Das Zitat von Karl-Markus Gauß stammt aus dem Essay Die Wirklichkeit des Albums. Venedig in Schwarzweiß, erschienen in dem Buch „Die unaufhörliche Wanderung“ (Karl-Markus Gauß, Zsolnay-Verlag, 2020).

Tipps

Das Museo del Manicomio – La follia reclusa auf San Servolo ist für alle zu empfehlen, die sich für die Geschichte der Psychiatrie interessieren (und wer tut das nicht?). Die Öffnungszeiten des Museums richten sich nach dem Vaporetto, das vom Markusplatz auf die Insel fährt: https://servizimetropolitani.ve.it/it/museomanicomio 

Das Museum Ebraico di Venezia befindet sich im Herzen des ehemaligen Ghettos. Derzeit wird es umgebaut und zeigt daher nur eine kleine Auswahl seiner Schätze. Eine geführte Tour ermöglicht besondere Einblicke, auch in eine der Synagogen: https://www.museoebraico.it/en/ 

Wer nach Venedig reisen will, muss mit dem Segelboot oder mit dem Zug kommen, so will es das Gesetz der Lagune. Die Anreise per Kreuzfahrtschiff verbietet sich von selbst! http://www.nograndinavi.it/

Es ist zwar kein Geheimtipp, aber trotzdem soll hier zum Abschluss erwähnt werden, wie unglaublich schön die Sonnenuntergänge in Venedig sind – ganz besonders vom Vaporetto aus! 


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2 Kommentare

Anthony 10. Januar 2022 - 22:18

Danke für den Bericht und die schönen Fotos!

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Sigi 31. März 2022 - 12:38

Hach. Wirklich eine schöne Beschreibung!

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