Streunen

Autostadt Wien

gepostet von Stadtstreunerin | Eva 16. Dezember 2020

Es gibt eindeutige Anzeichen dafür, dass Wien eine moderne Stadt ist: Es gibt Hochhäuser, mehrere U-Bahn-Linien und mittlerweile sogar wirklich guten Kaffee. Jedes Jahr wird Wien verlässlich erneut zur “lebenswertesten Stadt der Welt” gewählt, ein Label, das sich die Stadt nur allzu gerne umhängt. Es spricht ja wirklich einiges dafür: Kunst, Kultur, Natur, Wohnraum, Bildung, Gesundheit… Sogar die fehlende U-Bahn-Linie zwischen der U4 und der U6 wird jetzt gebaut!

Andererseits gibt es auch etliche Anzeichen dafür, dass Wien noch immer in den 1960er Jahren steckt. Ob Nachtclubs mit strengen Sperrstunden, uninspiriertes Street Food oder der berüchtigte Grant – Wien hat gegenüber vielen wesentlich cooleren Metropolen einiges aufzuholen. Mehr als auf alles andere trifft das aber auf die Verkehrspolitik der Stadt zu.

Mehrspurige Fahrstreifen nur für Autos rund um die Innenstadt (Prachtstraße – pff!), mehr als 310.000 Parkplätze, permanenter Verkehrslärm selbst in den schönsten Ecken der Stadt, jedes Jahr tausende Verletzte und sogar einige Tote (zum Glück nicht viele): Kann das wirklich eine moderne oder gar die lebenswerteste Stadt der Welt sein?

Looks like 60er Jahre, feels like 60er Jahre

Wiener Straßenszene mit Parkplatz

Wenn mich früher Menschen am Land gefragt haben, ob ich einen Führerschein habe, waren sie oft erstaunt: “Was, du hast keinen Führerschein?” – Meist gefolgt von der Erkenntnis: “Aber in Wien brauchst du ja eh kein Auto.” Es stimmt: In Wien ist es möglich, so gut wie alle Wege zu Fuß, mit dem Rad, mit dem Scooter oder mit den öffentlichen Verkehrsmitteln zurückzulegen. Trotzdem scheint dieser Spruch in Wien selbst nie angekommen zu sein.

Viel Platz… für Autos

Denn wer durch die Straßen von Wien spaziert, bekommt einen ganz anderen Eindruck: Die Straßen der Stadt gehören nach wie vor zum großen Teil den Autos, den lärmenden, stinkenden und immer größer werdenden “Fossilien” unserer Zeit. Die geballte Ladung an Pferdestärken ist durchsetzungskräftig genug, um diesen Anteil weiter für sich zu beanspruchen.

Kfz-Freiluftmuseum in der Kandlgasse

Ganz schön hässlich

Um wirklich modern und lebenswert zu werden, müsste Wien genau hier ansetzen – mit einem radikal neuen Verkehrskonzept. Die Stadt muss sich neu erfinden und den Menschen, nicht das Auto in den Mittelpunkt rücken. So wie Amsterdam, wie Kopenhagen, wie Paris – Städte, die uns früher oder später in puncto Lebensqualität überholen werden. (Freilich nicht in allen Bereichen!)

Leider setzt die Wiener Politik nach wie vor auf das Auto: Ob Lobau-Tunnel, Stadtstraße oder Rückbau von Pop-up-Radwegen, ein echtes Umdenken scheint trotz einiger Bemühungen weit entfernt zu sein. Etwas, das mich als Alltagsradlerin und Fußgängerin unglaublich frustriert – ganz besonders in Hinblick auf die Corona-Krise und noch viel, viel, viel mehr in Hinblick auf die Klimakrise.

“Achtung, Fußgänger” statt “Achtung, Autos”

Also bin ich eben im Alleingang losgezogen, um mir die Wiener Straßen anzueignen. Kaum verlasse ich die allzu engen Gehsteige, wird mir schlagartig klar, was die Straße bietet: freien Blick, vor allem auch auf Fassaden und Wolken – und Platz, um meine Füße dorthin zu richten, wohin es mir gerade passt.

Das läuft nicht ohne Protest ab, und mein Versuch bleibt waghalsig (bitte nicht nachmachen!). Zurück bleibt aber ein Gefühl von Freiheit, von kaum fassbarem Öffnen zur Stadt hin. Und eine zentrale Erkenntnis: Sicher hat Wien viel zu bieten. Letztlich hängt die Lebensqualität in einer Stadt aber auch maßgeblich davon ab, was auf ihren Straßen passiert. 

Wien, modern und lebenswert? Es sind die Straßen, die darüber entscheiden!


Weiterlesen:

Stadtstreunen.at:

“Wem gehört die Stadt wirklich?” – Fragen und Antworten einer Podiumsdiskussion im März 2019

“Stadtplanung per Virus” – Lehren aus dem ersten Lockdown

Wien:

Platz für Wien – die Initiative für eine klimagerechte, verkehrssichere Stadt mit hoher Lebensqualität

“Die Bürger haben klar gesagt: Autos raus, öffentlicher Nahverkehr und Fußgänger rein”  – Interview mit dem Wiener Stadtplanungs-Direktor Thomas Madreiter 

Jährliche Unfallstatistik der Stadt Wien – Überblick über Verkehrsunfälle mit Verletzten und Toten seit 1983

Allgemein:

“Wie dem Autowahn entkommen? Unfälle als natürliche Todesursache” – Albrecht Selge über die Denkmuster in einer autogerechten Stadt (sehr lesenswert!)

“Der Abschied vom geliebten Automobil” – Benedikt Narodoslawsky und Eva Konzett über einen beginnenden Kulturkampf (leider nur mit Abo lesbar)

“Wie das Auto unsere Städte verändert hat” – ein Blick nach Hamburg

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