Auf den Spuren meines Großvaters: ein Ausflug nach Waidhofen an der Ybbs

von Stadtstreunerin | Eva

Mein Ausflug nach Waidhofen an der Ybbs vergangenen Dezember ist zwar nur wenige Monate her, gefühlt war ich aber in einem anderen Leben dort. Ja, damals, als man sich noch frei und unbeschwert durch die Länder bewegen durfte, vorbei an vielen Kreisverkehren, Einkaufszentren und Einfamilienhäusern… hach! (Meine Anreise nach Waidhofen an der Ybbs war tatsächlich ein kleines „Best of Niederösterreich“.)

Aber nicht nur wegen der coronabedingten Einschränkungen in den letzten Monaten scheint mir mein Ausflug nach Waidhofen weit her zu sein. Der Grund, warum ich die kleine Bezirksstadt inmitten hoher, dunkler Hügel aufgesucht habe, ist noch viel, viel weiter her! Dazu muss ich schon etliche Jahrzehnte zurückgehen: In den 1930er Jahren (genauer gesagt, von 1935 bis 1941) ist mein Großvater in Waidhofen an der Ybbs in die Schule gegangen. 

Letzten Dezember, kurz vor Weihnachten, hat er mir den Auftrag gegeben, in die „schöne Schulstadt“ zu fahren – so hat er Waidhofen an der Ybbs nach mittlerweile sehr vielen Jahrzehnten immer noch in Erinnerung. Und wer würde einem 96-Jährigen so einen Wunsch verwehren? Also, ab nach Waidhofen!

Tatsächlich, eine schöne Schule!

Die Stadt der vielen Türme – und der Autos

Waidhofen liegt, wenig überraschend, an der Ybbs. Auffälliger aber als der schöne Fluss, der durch die Stadt fließt, sind die vielen Türme! Die Stadtpfarrkirche, der Stadtturm, der Bergfried und die Bürgerspitalkirche machen die Stadt schon von der Weite eindeutig erkennbar.

Ein Fluss und viele, viele Türme

Noch ein Turm!

Eingebettet inmitten recht hoher, dicht bewaldeter Hügel kann die Stadt außerdem mit einer stadtplanerischen Besonderheit aufwarten: Sie hat seit dem Mittelalter zwei parallel verlaufende Stadtplätze! Wo hat man so etwas schon gesehen?

Leider muss ich aber feststellen, dass die heutigen Stadtplaner*innen bei Weitem nicht so unkonventionell denken wie jene des Mittelalters. Beide (!) Plätze sind heute ein Parkplatz, die vielen Autos verstellen die Sicht auf die hübschen pastellfarbenen Häuschen voller verspielter Details. Also bitte!

Seufz…

Aber auch ohne Autos wäre es im Stadtzentrum an diesem Tag wohl nicht lebendiger gewesen: Immerhin war es Ende Dezember und ziemlich kalt, alle Geschäfte hatten zu und ich habe erst nach längerer Suche ein Restaurant gefunden, das mir ein warmes Mittagessen bieten konnte. (Heute erscheint mir das als ein noch viel größerer Luxus als damals!) 

Wo gibt’s hier bitte Kuchen?

Vor verschlossenen Toren

Wer braucht Gold, wenn er Eisen hat?

Waidhofen liegt ziemlich abgelegen im südwestlichen Niederösterreich. Das war aber nicht immer so: Ab dem 12. Jahrhundert wurde am steirischen Erzberg Eisenerz abgebaut und die Stadt, günstig an der Kreuzung zweier Handelsstraßen gelegen, entwickelte sich rasch zu einem wichtigen Zentrum der europäischen Eisenproduktion. 

Bis heute ist die größere Region rund um Waidhofen als „Eisenwurzen“ bekannt. In Waidhofen selbst befinden sich nach wie vor wichtige Schulen für Berufe in der Metallindustrie. Auch der Wahlspruch weist auf diese lange Geschichte hin: Ferrum chalybsque urbis nutrimenta – „Eisen und Stahl ernähren die Stadt“. Auf meinem Streifzug durch die Stadt finde ich einige Hinweise darauf, wie wichtig das Eisen für Waidhofen war – und immer noch ist. 

Ein Stock im Eisen!

Erinnerungen an das Eisen

Gegen den Rest der Welt

Wer in Waidhofen ist, kommt an „den Türken“ nicht vorbei. Damit gemeint sind aber nicht unsere Mitbüger*innen türkischer Herkunft, sondern ein Ereignis, das schon bald ein halbes Jahrtausend her ist: Nach der ersten Wiener Türkenbelagerung 1532 zogen berittene Truppen durch Niederösterreich und verbreiteten Angst und Schrecken.

Nicht so in Waidhofen: 500 Bewaffneten gelang es, ohne größere Verluste diesen Feldzug zu stoppen. Die türkischen Truppen mussten fliehen und hinterließen einen wahren Schatz, mit dessen Mitteln der Stadtturm höher gebaut werden konnte. Bis heute ist die Erinnerung daran in die Stadt regelrecht eingeschrieben, wie eine gut sichtbare Aufschrift am Stadtturm zeigt.

Turm mit Erinnerung

Die erfolgreiche Verteidigung der Stadt wurde später zum heldenhaften „Abwehrkampf“ hochstilisiert. Wäre interessant, was die Schüler*innen in den Waidhofener Schulen heute darüber lernen – ob Waidhofen wohl immer noch als Bastion gegen den Rest der Welt gilt?

Am Spielplatz

Eine schwere Last

Was mein Großvater anno dazumal darüber erfahren hat, weiß ich nicht. Was er aber sehr wohl mitbekommen hat, ist eine andere schwierige Facette in der Geschichte von Waidhofen: den weit verbreiteten Antisemitismus. Im ausgehenden 19. Jahrhundert, als die Eisenverarbeitung in Waidhofen schon lange nicht mehr florierte, erhielten antisemitische „Vordenker“ Aufwind.

Bis heute ist das „Waidhofener Prinzip“ ein Begriff, das jüdischen Studenten ab dem Jahr 1896 den Zugang zu deutschnationalen Verbindungen verwehrte. Ein Waidhofener zu sein, galt damals sogar als antisemitische Auszeichnung. Mein Großvater hat da wohl einiges miterlebt, wie er in seinem Erinnerungsbuch festgehalten hat:

Es gab genug Anzeichen dafür, daß die Sympathien der Mitschüler nur in geringem Umfang bei der Staatspartei lagen, sondern mehr im deutschnationalen Gedankengut und dem Anschlußgedanken.

Der damalige Klassenvorstand – wohl ein fanatischer Nazi – „verstand es zu motivieren“, sodass sich fast alle Mitschüler vorzeitig zum Militär meldeten. Für einige kam das einem Todesurteil gleich. Für meinen Großvater glücklicherweise nicht, er hat die Schulzeit in Waidhofen und auch den Zweiten Weltkrieg, der für ihn unmittelbar nach der Matura begann, halbwegs gut überstanden. In seinen Erinnerungen hält er abschließend fest:

Zurückblickend klassifiziere ich die Schulzeit weder als besonders herrlich noch als schmerzlich. Vielmehr fühlte man sich, wie vermutlich die meisten Schüler, als Mensch zwischen den Welten, nicht mehr Kind und noch nicht Erwachsener, ausgerichtet auf das Ziel „Matura“, ohne sich viel Gedanken darüber zu machen, was aus dem „Danach“ werden sollte.

Kreatives Danach

Und heute?

Seit mein Großvater hier in die Schule gegangen ist, hat sich zum Glück vieles verändert. Waidhofen ist aber nach wie vor eine sehr schöne Stadt und hat in den letzten Jahren durch den aufkommenden sanften Tourismus neue Perspektiven erhalten. Gut möglich, dass ich im Sommer wiederkehre – so es das Coronavirus erlaubt – und eine Radtour entlang der Ybbs mache. Bis dahin: Mach’s gut, Waidhofen!

Einhorn spießt Stadtwappen auf (?)

Waidhofen in der Winternacht


Zum Weiterlesen

Die Informationen zu Waidhofen an der Ybbs stammen von Wikipedia.

Die Erinnerungen meines Großvaters Siegfried Wohlfarter lassen sich in dem Buch „Familiengeschichten“ nachlesen, herausgegeben im Jahr 1996 im Eigenverlag. (Bei Interesse gerne bei mir melden!) 

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