Corona als Trauma?

von Stadtstreunerin | Eva

An Corona kommt niemand vorbei: Seit einem Jahr begleitet uns das Virus durch das Auf und Ab des Alltags. Jede und jeder einzelne von uns ist in irgendeiner Form betroffen: Die allgemeine Stimmung mit viel Unsicherheit, Angst und Sorge macht etwas mit uns, ob wir wollen oder nicht. Aber kann die Corona-Pandemie auch ein Trauma auslösen?

Traumatisiert uns die Pandemie?

Ich denke, es kommt – wie so oft – auf viele, vor allem auch auf individuelle Faktoren an. Ein Trauma ist ein belastendes Ereignis oder eine Situation, die kürzer oder länger dauern kann, eine außergewöhnliche Bedrohung darstellt und/oder ein katastrophenartiges Ausmaß annimmt. Zentral ist dabei das Gefühl, dieser furchtbaren Situation ausgeliefert zu sein und keinen Handlungsspielraum zu haben. (Meine Auseinandersetzung mit dem Begriff Trauma kannst du hier auf Stadtstreunen.at nachlesen.)

Das muss in der Pandemie nicht zutreffen: Wer finanziell abgesichert ist, ein wertschätzendes Umfeld hat, sich selbst nach dem tausendsten Spaziergang immer noch aufraffen kann, wer sich und andere bestmöglich schützen kann (Stichwort Home Office) und womöglich sogar ein Haustier zum Kuscheln hat, kommt wahrscheinlich recht gut durch diese Zeit.

Es kann aber zutreffen: Wer den Arbeitsplatz verliert, steht von heute auf morgen vor dem Nichts – ohne Ersparnisse oder Erbe schnell eine existenzbedrohende Situation. Wer sich vor lauter Angst vor einer Ansteckung mit dem Coronavirus kaum noch vor die Haustüre traut, wird womöglich zunehmend vereinsamen und die Freude am Leben verlieren. Wer wegen Covid-19 keine Luft mehr bekommt und an ein Atmungsgerät angeschlossen werden muss, gerät vermutlich in Todesangst, ohne sich auch nur irgendwie mitteilen zu können. Wer in den eigenen vier Wänden dauer-überfordert ist oder gar Gewalt ausgesetzt ist, wird ebenfalls zu leiden beginnen – nicht unbedingt unter der Pandemie selbst, aber unter ihren vielen Begleiterscheinungen.

(Und, und, und – Beispiele gäbe es noch viele…)

Der Umgang mit psychischen Problemen

Die Corona-Pandemie verstärkt Probleme, die wir als Gesellschaft schon davor hatten, und rückt sie in den Fokus. Das gilt auch für den Umgang mit psychischen Erkrankungen: Sie waren immer schon stigmatisiert und tabuisiert, das ist jetzt umso mehr der Fall. So gesehen also kein Wunder, dass das Pandemie-(Miss-)Management der Bundesregierung dieses Thema überhaupt nicht berücksichtigt.

Seit Monaten hören wir Ratschläge wie „Hände desinfizieren“ oder „Abstand halten“. Dass die Seele unter den neuen, ungewohnten und verunsichernden Rahmenbedingungen leiden kann, wird dabei kaum mitgedacht oder gar abgefangen. Oder hast du, liebe Leserin, lieber Leser, offizielle Tipps für den Umgang mit Gefühlen wie Einsamkeit, Angst und Wut erhalten?

Der berühmte „Babyelefant“, der uns lange zum Abstandhalten gemahnt hat, hilft leider nicht weiter, wenn wir traurig, einsam, wütend oder panisch sind. Dazu kommt noch, dass der gesellschaftliche Zusammenhalt und die Solidarität mit älteren und chronisch kranken Menschen spätestens mit dem Ende des ersten Lockdowns weggebrochen sind.

Die Corona-Pandemie in all ihren Erscheinungsformen ist also für erwachsene Menschen meiner Meinung nach nicht per se traumatisierend, hat aber – je nach der individuellen Situation – durchaus das Potential, traumatisierend zu wirken.

Are the kids alright?

Und wie sieht es bei Kindern und Jugendlichen aus?

Kinder und Jugendliche sind von der Pandemie und ihren Auswirkungen nochmal deutlich stärker belastet. Das zeigen die ersten Ergebnisse einer Studie der Medizinischen Universität Innsbruck (Covid-19 Kinderstudie 2021), die seit dem letzten Jahr Kinder und Jugendliche zwischen drei und zwölf Jahren zu ihrer Lebensqualität befragt.

Viele der befragten Kinder und Jugendlichen zeigen Symptome, die auf ein Trauma hinweisen. Die Mädchen berichten über Angstzustände und körperliche Beschwerden wie Bauchweh oder Schlafstörungen, die Buben geben zusätzlich noch Probleme mit Konzentration und Aufmerksamkeit an. Während es bei der ersten Fragerunde im März 2020 noch drei Prozent der Befragten waren, die unter diesen und weiteren Symptomen litten, sind es im Jänner 2021 bereits 15 Prozent. Der Anstieg sei alarmierend, sagen die Expertinnen und Experten der Medizinischen Universität Innsbruck.

Eine verlorene Generation?

Die Kinder und Jugendlichen werden immer wieder als „verlorene Generation“ abgestempelt – das halte ich aber für einen voreiligen Schluss. Der Psychiater Paulus Hochgatterer sagt dazu:

Das ist keine verlorene Generation. Das ist eine Generation, die eine spezifische Erfahrung gemacht hat, diese Erfahrung werden diese Kinder und Jugendlichen in ihrem Leben einbauen. 

Hochgatterer (2021)

Vielmehr ist das Label „verlorene Generation“ ein Eingeständnis des Versagens: das Versagen eines Bildungssystems, das auf Leistung statt auf Wertschätzung setzt, das Versagen eines Pandemie-Managements, das einfach keine Maßnahmen zum Schutze aller finden will, das Versagen einer Gesundheitspolitik, die psychische und psychosomatische Erkrankungen nicht in den Fokus rückt. Wir sollten also besser von der im Stich gelassenen Generation sprechen!


Eine Psychotherapeutin hat mir mal erzählt, dass sie den Elefanten als Symbol ihres Berufsstandes sieht. „Der Elefant geht voran und macht den Weg frei…“ – Na dann: Der Babyelefant darf das gerne übernehmen!


Literaturquellen

Covid-19 Kinderstudie (2021): https://www.tirol-kliniken.at/page.cfm?vpath=standorte/landeskrankenhaus-hall/medizinisches-angebot/kinder–und-jugendpsychiatrie/covid-19-kinderstudie 

Hochgatterer Paulus (2021): Die lost generation ist Unsinn. https://noe.orf.at/stories/3093606/

Weiterlesen

Schreibe einen Kommentar

*