Ein außerirdischer Besuch in Graz

von Stadtstreunerin | Eva

Ohne Graz wäre ich nicht in Wien, und das sogar im doppelten Sinne: Meine Eltern haben sich vor über 50 Jahren in Graz kennengelernt und sind später nach Wien gezogen, wo ich auf die Welt gekommen und aufgewachsen bin. Als Erwachsene wollte ich unbedingt meine ach-so-langweilige Heimatstadt verlassen und habe in Klagenfurt/Celovec, Ljubljana und zuletzt in Graz studiert. Nach einem Semester auf der Universität Graz habe ich aber gemerkt, dass ich in Wien doch besser aufgehoben bin, und bin nach fast fünf Jahren zurückgezogen. Wer weiß, ob ich ohne Graz jetzt überhaupt in Wien leben würde! 

Ruhig, beschaulich, Graz

Die zweitgrößte Stadt in Österreich wurde damals, zu meiner Studienzeit (also um 2010 herum), manchmal abfällig als „Stadt der Pensionist*innen“ bezeichnet. Heute weiß ich die Ruhe, die die Stadt an der Mur ausstrahlt, schon deutlich mehr zu schätzen als damals! Graz, die „kleine Burg“ oder der „befestigte Ort“ (so die ursprüngliche Bedeutung des slawischen Namens Gradec), hat außerdem trotz aller Beschaulichkeit einiges zu bieten. 

Sehr kleine Burg

Wo sind die Pensionist*innen?

Ein Kunsthaus für die Kulturhauptstadt

Besonders beeindruckt mich nach wie vor das außergewöhnliche blaue Kunsthaus am Ufer der Mur. Im Jahr 2003 war Graz ein Jahr lang das Aushängeschild von Kunst und Kultur in Europa und hat den Status der Kulturhauptstadt mit einer Reihe von Gebäuden, Installationen und vielem mehr untermauert. Heute, fast 20 Jahre später, zählt das Kunsthaus zu den auffälligsten Überbleibseln des Kulturhauptstadtjahrs. Die Grundform erinnert an eine Erdnuss mit Warzen, den sogenannten nozzles (oder, etwas sperrig auf Deutsch: „Lichteinlass-Rüsseln“).

Das Kunsthaus Graz

Rosa Radständer

Ein Warzenschwein? Ein Wal? Oder doch ein Alien? Das Architekten-Duo Peter Cook und Colin Fournier hat dem Kunsthaus jedenfalls den Beinamen friendly alien verpasst. Ein freundliches Alien aus blauem Plexiglas: Ich kann manchmal gar nicht glauben, dass ein derartig mutiges Architektur-UFO im verschlafenen Österreich landen konnte.

Lesestunde vor dem Kunsthaus

Spiegelungen im Alien

Ein Wal lässt grüßen

Gekommen, um zu bleiben

Aber nicht nur das Kunsthaus selbst, auch sein Inhalt ist eine Reise wert! Dank Klimaticket muss ich an einem sonnigen Sonntag im Februar gar nicht lange nachdenken, ob sich der Ausflug lohnt – zweieinhalb Stunden später bin ich schon in Graz. Das Kunsthaus ist vom Bahnhof aus leicht zu Fuß oder per Straßenbahn erreichbar und hält gleich zwei Ausstellungen für mich bereit.

Die erste Schau heißt Palette und zeigt Werke von Helmut und Johanna Kandl, die sich mit der Kunst hinter der Kunst beschäftigen. Ob Pinsel, Bleistift oder Leinwand, hier erfahre ich mehr über die Herstellung von Produkten, die Zeichnungen und Malereien überhaupt erst ermöglichen. In der zweiten Ausstellung im Obergeschoß – Sometimes as a fog, sometimes as a tsunami – behandelt die dänische Künstler*innengruppe Superflex das Zusammenspiel zwischen Geld und Kapitalismus. 

Von Paletten und Plastiksesseln

Installation mit den Farben von Banknoten

We are all in the same boat

Zwischendurch setzt sich auch das Kunsthaus selbst immer wieder in Szene und offenbart ungewöhnliche Perspektiven auf Graz. Innen ist das Gebäude – übrigens ein Vertreter der sogenannten Blob-Architektur – deutlich kleiner als außen, also bin ich nach knapp zwei Stunden fertig mit dem Schauen. Da bleibt noch genug Zeit für eine gemütliche Einkehr in einem der Kaffeehäuser rundherum, bevor es zurück nach Wien geht – mit dem Gefühl, dass ich ohne Graz nicht die wäre, die ich bin. Ein Gedanke, der dem friendly alien wohl auch nicht fremd ist…

Oh, der Schlossberg!

Mach’s gut, Graz, bis bald!


Tipps

Hier geht’s zur Website vom Kunsthaus Graz: https://www.museum-joanneum.at/kunsthaus-graz 

Mehr über die Architektur des Kunsthauses erfahrt ihr hier: https://www.museum-joanneum.at/kunsthaus-graz/architektur 


Reisedaten 

Sonntag, 20. Februar 2022

Wien Hbf ab 7:58
Graz Hbf an 10:43

Fahrt retour auf derselben Strecke

Weiterlesen

Schreibe einen Kommentar

*