Eine lebenswerte Wohnhaussiedlung zu errichten gleicht einem Balanceakt: Der Grat zwischen Glanz und Elend ist hier besonders schmal. Die oftmals hoch in den Himmel ragenden Bauten können zu desolaten Denkmälern von „Problembezirken“ oder aber zu Aushängeschildern des gemeinschaftlich organisierten Lebens werden. In Graz ist jedenfalls Letzteres gelungen: Die ab 1972 errichtete Terrassenhaussiedlung im südöstlichen Bezirk St. Peter steht seit einigen Jahren unter Denkmalschutz und gilt als ein modernes Wahrzeichen der Stadt. (Das erste Mal bin ich in einer Ausstellung des Architekturzentrums Wien auf diese besondere Siedlung aufmerksam geworden.) Die bis zu 13 Etagen hohen Blöcke versprechen – wie der Name schon sagt – viele Terrassen und eine Utopie des Wohnens, die bis heute weiterwirkt. Ein Rundgang an einem frühlingshaften Vormittag am Osterwochenende!
Der Stoff der Träume
Unsere Erkundung beginnt bei der Straßenbahnhaltestelle mit dem romantischen Namen „Eisteichgasse“. Von dort aus erreichen Helmut und ich die Rückseite der Siedlung. Wir spazieren über blühende Wiesen und schlängeln uns durch die engen, erstaunlich dunklen Gänge des Erdgeschoßes, bis wir das Herzstück der Terrassenhaussiedlung erreichen: die großzügige Parkanlage, die sozusagen im ersten Stock liegt und die verschiedenen Bauteile miteinander verbindet. Nicht nur die Terrassen, sondern auch diese Fläche macht den besonderen Reiz des Viertels aus. Das „Alt Erlaa von Graz“ ist eine autofreie Zone: Die Garagen sind so geschickt angelegt, dass kein Lärm und keine Abgase die unmittelbare Wohnumgebung stören. Stattdessen zwitschern die Spatzen und Meisen so laut, dass ich mir fast die Ohren zuhalten möchte. Ich bin es (leider) gar nicht mehr gewohnt, dass die Vögel den Autos in puncto Dezibel weitaus überlegen sind.
Auf einem der Bauten im Zentrum der Siedlung prangt groß der Schriftzug „Der Stoff, aus dem Träume sind“. Ob die Bewohner:innen wirklich glücklicher leben als anderswo, finden wir nicht heraus – dazu treffen wir an diesem verlängerten Wochenende zu wenige der knapp 1.000 Bewohner:innen an, die wir fragen könnten. Hinweise gibt es aber schon: die teils öffentlich begehbaren Terrassen, die vielen Bäume, Sträucher und Hochbeete, die Jugendräume, die individuell gestalteten Eingangstüren zu den Wohnungen – alles zusammen wirkt zumindest inspirierend, an die eigenen Träume und deren Verwirklichung zu denken.
Terrassen mit Weitblick
Der blitzsauberen, fast im Originalzustand erhaltenen Siedlung sieht man ihr Alter zwar kaum an, die brutalistische Bauweise lässt aber doch eine spontane historische Einordnung zu: „Schaut irgendwie aus wie in den 1960ern oder 1970ern.“ Auf der Homepage der Terrassenhaussiedlung lesen wir nach: Der erste Entwurf stammt aus dem Jahr 1965, der Baustart war 1972, sechs Jahre später war die Siedlung fertig. Seit bald 50 Jahren lässt es sich hier also gemeinsam leben, spielen, garteln, arbeiten – und in die Ferne blicken: Von den oberen Stockwerken, die auch für Besucher:innen wie uns zugänglich sind, schauen wir hinüber zu einem weiteren Wahrzeichen der Stadt, dem Grazer Uhrturm. Dahinter schichten sich schneebedeckte Berge auf, wir können deutlich die Koralm erkennen. Wenn die Witterung noch klarer wäre, würden wir bis Slowenien und Kroatien sehen. Auch der beliebte Grazer Hausberg, der Schöckl, lässt sich von hier aus erspähen.
Deutlich näher liegen aber die Eustacchio-Gründe, die direkt an die Siedlung angrenzen: Ein naturbelassenes Wäldchen mit einigen Teichen erwartet uns nur wenige Schritte entfernt. Hier ist für Enten und Libellen genauso Platz wie für Kinder und Jugendliche, die sich austoben und Neues entdecken wollen. Und für uns: Wir stapfen durch das Unterholz, lassen uns von den blühenden Bäumen berieseln und fragen uns, ob es noch mehr zum Leben braucht. Einen Kaffee und ein Stück Kuchen vielleicht! Dafür müssen wir uns aber auf die Räder schwingen und in die Innenstadt fahren, denn in der Terrassenhaussiedlung gibt es zwar ein Zentrum für gemeinschaftliche Aktivitäten, aber kein Café. Das sei ihr allerdings verziehen: Schließlich kommen wir so noch dazu, mit der Standseilbahn auf den Schlossberg zu fahren und von dort aus zurück zu den Terrassen der Träume zu schauen.
Bis bald, Graz!
Facts & Feelings
Architekten: Werkgruppe Graz (Eugen Gross, Friedrich Groß-Rannsbach, Werner Hollomey, Hermann Pichler) zusammen mit Walter Laggner und Peter Trummer
Zeitraum der Erbauung: 1972-1978
Anzahl der Bewohner:innen: 980 (in 530 Wohnungen)
Anbindung an die Stadt: Straßenbahnlinie 6, mehrere Buslinien
Bewertung: 5 von 5 Sternen
Gefühle beim Stadtstreunen: ruhig, entspannt, neugierig
Hier wohnen: ja
Mehr: Die Terrassenhaussiedlung hat eine eigene Homepage (https://www.terrassenhaus.at/) und nimmt an einem EU-weiten, partizipativen Forschungsprojekt zur Dekarbonisierung teil: https://www.deco2-project.eu/
Weiterlesen
„Soziales Wohnen in Europa“ – ein Besuch bei insgesamt fünf großen Wohnsiedlungen in Berlin, Wien, Rom und Neapel: https://stadtstreunen.at/soziales-wohnen-in-europa/
Das Grazer Kunsthaus ist auch immer eine Reise wert: https://stadtstreunen.at/ein-ausserirdischer-besuch-in-graz/
Was brauchst du, liebe Leserin, lieber Leser, für ein gutes Leben? Steht eine Terrasse in einem gemeinschaftlichen Siedlungsprojekt auf deiner Wishlist oder bist du eher Team „Nicht einsehbarer Garten“?

















1 Kommentare
Der Artikel gefällt mir sehr gut, es ist schön die Terrassenhaussiedlung einmal aus deinem Blickwinkel zu sehen!