Im Oktober 2025 ist ein gar nicht lang gehegter, dafür umso stärkerer Wunsch von mir in Erfüllung gegangen: eine Reise nach Algerien. Helmut und ich haben uns in den letzten Jahren diesem weitgehend unbekannten, touristisch isolierten Land schon von verschiedenen Seiten angenähert: Ob in Tunesien, in Genua oder in Marseille – überall haben wir Hinweise auf Algerien gefunden. Es war also nur eine Frage der Zeit, bis wir eines Tages wirklich auf die Fähre nach Algier steigen und die Segel (oder besser: die Schornsteine) gen Süden setzen.
Eine Reise nach Nordafrika will gut geplant sein: Im Falle Algeriens beginnt sie in der Botschaft, da die Einreise nur mit Visum möglich ist. Auf der Reliefkarte des riesigen Landes, die im Eingangsbereich aufgehängt ist, kann ich unsere Reise mit den Fingerspitzen vorausahnen: immer dem Mittelmeer entlang, in die Hauptstadt Algier und die beiden Großstädte Annaba und Constantine. Die Wüstengebiete gelten als zu gefährlich, und wir wollen kein noch größeres Risiko eingehen – das österreichische Außenministerium warnt ohnehin schon vor Individualreisen nach Algerien.
Über Zwischenstationen in Bregenz, Lindau, Ulm und Mannheim fahren wir mit dem Zug von Wien nach Marseille, um dort am „Terminal Maghreb“ einzuschiffen.

Einmal rund ums Mittelmeer – Überblick über die Reiseroute
„Unsere Heimat ist das Mittelmeer“
Das Schiff bahnt sich mit leisem Dröhnen seinen Weg durch die blauen, glänzenden Wellen. Das Mittelmeer liegt ruhig vor uns, die Sonne scheint, und doch klopft mein Herz bis zum Hals: Das hier fühlt sich nicht nach Urlaub an, sondern nach einem echten Abenteuer! Wir befinden uns auf der Fähre von Marseille nach Algier, in weniger als 24 Stunden erreichen wir die andere Seite des Mittelmeers. Ich blicke mich neugierig um, doch so sehr ich mich auch bemühe, ich kann keine andere Frau mit blonden Locken auf diesem Schiff entdecken. Die meisten Passagiere sind dunkelhaarige Männer, viele tragen traditionelle Djellabas und rollen ab und zu einen Teppich aus, um darauf zu beten. Die polnischen und schwedischen Aufschriften rundherum wirken in dieser Szenerie fehl am Platz. Unser Schiff, die „Cracovia“, war in ihrem früheren Leben auf der Ostsee unterwegs, und die Spuren sind unübersehbar. Wo einst auf der Strecke zwischen Polen und Schweden gesoffen wurde, sitzen heute Männer und rühren Kaffee in kleinen Bechern um. Im Bordrestaurant „Pod Żaglami“, polnisch für „Unter den Segeln“, essen wir unsere erste algerische Mahlzeit.
Ein Paar hört uns miteinander Deutsch sprechen. „Seid ihr aus Deutschland?“, fragt uns der Mann, der sich als Laala vorstellt. Mit seiner Frau lebt er bereits seit Jahrzehnten in Süddeutschland und befindet sich gerade auf dem Weg in die alte Heimat. Freimütig erzählen uns die beiden von ihrem Schicksal:
In Deutschland sind wir Ausländer, in Algerien Emigranten. Wir sagen immer: Unsere Heimat ist das Mittelmeer.
Ich blicke danach mit anderen Augen auf die Wasserfläche vor den Fenstern, die gleichzeitig Menschen trennt und Kulturen verbindet. Ich blicke so lange hinaus, bis ich Delfine zwischen den Wellen springen sehe, bis im starken Gegenlicht die ersten Umrisse von Nordafrika auftauchen, bis wir – langsam, langsam, während mein Herz immer lauter klopft – in den Hafen von Algier einfahren und endlich ankommen: in الجزائر – Algerien.
„Welcome to Algeria!“
Ein zweisprachiges Schild heißt uns im Hafen auf Arabisch und Englisch willkommen: „Welcome to Algeria!“ Die Grenzbeamten wiederholen den Gruß ebenso wie die Mitarbeiter in unserem bescheidenen Hotel in Algier. Wir werden es noch oft hören: Willkommen, willkommen! Mit jedem Mal werden meine Vorbehalte kleiner, und die Warnung des Außenministeriums rückt zunehmend aus dem Fokus. Das riesige Land hat – im Gegensatz zu seinen maghrebinischen Nachbarländern Marokko und Tunesien – keine touristischen Hochburgen aufgebaut. Der Tourismus beschränkt sich auf ein paar wagemutige Abenteurer (wie etwa ein polnisch-portugiesisches Paar, das mit dem Fahrrad bis Neuseeland fahren möchte) und kulturinteressierte Grüppchen aus Spanien oder Großbritannien, die sich in Begleitung eines Reiseleiters auf die fantastischen römischen Ruinen in Cherchell und Tipaza stürzen.
In Constantine, der drittgrößten Stadt Algeriens, wagen wir uns mit der Straßenbahn in die äußerste Peripherie vor – zum südlichsten Punkt unserer Reise. Ein junger Mann spricht uns bei der Endstation in Ali Mendjeli an: „Do you need a guide? This is not a safe place, you know.“ Dann bleibt ein Auto stehen, zwei Männer beugen sich zu uns: „Welcome to Algeria! We personally guarantee your safety here.“ Lachend und laut hupend fahren sie weiter. Und tatsächlich: Uns passiert nichts. Wohin wir uns auch wenden, immer begrüßt uns jemand und heißt uns willkommen; unsere auffälligen Kameras sind oft der Einstieg in ein Gespräch, verbunden mit der Bitte, fotografiert zu werden. In Algier raunt uns ein Passant zu: „Les meilleurs touristes en Algérie, c’est vous.“ („Die besten Touristen in Algerien sind Sie.“) Nur einmal, bei der Kathedrale von Algier, die mehr an einen Atomreaktor denn an eine Kirche erinnert, sagt jemand im Vorbeigehen etwas anderes als sonst: „Welcome to Earth!“
Freiraum in der Kasbah
Algier ist eine echte Metropole, die mit Wucht über mich herfällt, sodass ich tagelang zwischen „beeindruckt“ und „erdrückt“ schwanke. Die Stadt nimmt mir die Luft zum Atmen. Obwohl es eine U-Bahn, eine Straßenbahn, Busse und etliche Seilbahnen gibt, sind viele in Autos unterwegs, die ununterbrochen laut hupen und die Luft verpesten. Helmut gelingt es, sich gelassen mitten im Chaos eines algerischen Marktes umzusehen und festzustellen: „Das ist wie daheim, nur anders.“ Mich dagegen reißt es von einem Eindruck zum nächsten: Die Gerüche! Die Farben! Die Texturen! Die Blicke! (Und immer die Angst: Was, wenn an der Warnung des Außenministeriums doch etwas dran ist?)
Rückzugsorte gibt es hier kaum welche, wir werden ununterbrochen beobachtet und angesprochen. In den engen Gassen der Kasbah, der arabischen Altstadt von Algier, finden wir dann aber doch ein paar ruhige Winkel. Und obwohl etliche Gebäude von Erdbeben zerrissen wurden, können wir nicht umhin, das touristische Potenzial zu sehen, dass diese geheimnisvollen Gässchen haben. Hier könnte es kleine Restaurants geben, feine Souvenirläden, Ateliers – aber nichts lädt zum Verweilen ein. So steigen wir immer höher den Hang hinauf, bis sich auf einmal doch eine größere Straße mit immerhin einem Café auftut. Hier können wir auf winzigen Hockern den Kaffee genießen und unsererseits zu Beobachter:innen werden: Junge Frauen ahmen in weißen Kleidern und Gesichtsschleiern das Algier von anno dazumal nach. Ich muss an die Bücher der algerischen Schriftstellerin Assia Djebar denken, die eine Welt beschrieben hat, in der die Frauen in den kleinen Höfen der Kasbah eingesperrt waren. Ihre Seufzer hallen noch zwischen den hohen Mauern nach.
Die heutige Freiheit, in der sich junge Frauen spielerisch verkleiden können, ist allerdings auch relativ: Der öffentliche Raum gehört nach wie vor den Männern, und politisch ist Algerien den autoritär geführten Staaten zuzuordnen. Auf gewisse Weise spiegelt sich das in den unzähligen kunstvollen Fußball-Graffitis in der Stadt: Denn der Kult um den Fußball ist schwer unter Kontrolle zu bringen und bietet Freiraum, wo sonst kaum keiner ist. Zufällig finden auch wir, obwohl wir gar nicht fußballaffin sind, ein Stück Lockerheit: Wir kehren in einem unscheinbaren Beisl mit verspiegelten Türen ein, in dem der Kellner den (ausschließlich männlichen) Gästen Bier serviert – immer zwei Viertelliter-Flaschen auf einmal, damit es sich auszahlt. Alkohol ist in dem muslimischen Land verpönt, und „La Baie d’Alger“ sollte auch das einzige Gasthaus mit Bierausschank auf unserer Reise bleiben.
Ruinen und Reiche
Wer sich länger in Algier aufhält, kommt um eine Besichtigung von Cherchell und Tipaza nicht herum: Eine Mittsiebzigerin erzählt uns im Hotel begeistert von ihrem Ausflug dorthin. Wie sich herausstellt, ist die Britin mit dem auffälligen Akzent in Wien geboren und erkundet die Welt, wie es ihr gefällt. Wir nehmen uns an ihr ein Vorbild, heuern wie sie den Guide Youssef an und machen uns auf den Weg gen Westen. Beeindruckend ist zunächst die schiere Größe von Algier: wie lange wir Plattenbau um Plattenbau passieren, bis die Landschaft schließlich in Felder und Berge übergeht. Die Region galt bereits in der Antike als die Kornkammer Roms, und ist heute noch von extensiver Landwirtschaft geprägt. Youssef erzählt uns viel auf Arabisch, das sein Handy dann ins Deutsche übersetzt. Die Übersetzungen sind manchmal ungewollt poetisch. Beim Anblick des Meeres hinter den Ruinen von Tipaza lässt er uns wissen:
Diese Ewigkeit kommt und geht manchmal.
Im Archäologischen Museum von Cherchell, einst Caesarea Mauretaniae, begegnen uns inmitten der beeindruckenden Statuen und Mosaike auch deutsche Aufschriften von einer rezenten Zusammenarbeit mit dem Deutschen Archäologischen Institut. In Begleitung römischer Musen wandeln wir durch die Räume und erholen uns in dem rosafarbenen Innenhof im Schatten einer Palme. Ein paar Kilometer weiter bestaunen wir die Ruinen von Tipaza mit ihrer fast unwirklichen Lage direkt am Mittelmeer. In dem UNESCO-geschützten Park kann man einen ganzen Tag lang flanieren, über römische Stadtgestaltung sinnieren und die Vergangenheit lebendig werden lassen.
Aus den unzähligen Säulen und Mosaiken sticht ein Gebäude hervor, dem wir auf der Rückreise nach Algier noch einen kurzen Besuch abstatten: Das Königliche Mausoleum von Mauretanien, auf einer Hügelkuppe erbaut, ist weithin sichtbar. Der kreisrunde Bau aus Steinblöcken erscheint rätselhaft: Drinnen sollen sich die sterblichen Überreste von König Juba II. und Königin Kleopatra Selene II. befinden, die Cherchell zu ihrer Residenzstadt ausgebaut haben. Es gibt keinen offenen Zugang in das Innere und kaum Erklärungen, also umkreisen wir das seltsame Gebäude und bewundern es in der Abendsonne. Eine Woche später besuchen wir das berühmte Bardo Museum in Tunis und lesen dort nach, was es mit dem Königreich Mauretanien mitten in Algerien auf sich hat. Eine Zeitreise rund 2.000 Jahre in die Vergangenheit – als der Maghreb noch von Berber-Stämmen regiert wurde, die auf Lateinisch Mauri genannt wurden. Juba II. war aber bereits ein echter Römer: In Rom aufgewachsen, politisch von Rom abhängig, war er ein großer Förderer römisch-hellenistischer Kultur in Nordafrika. Nur sein Mausoleum tanzt aus der Reihe: Einen solchen Bau habe ich noch nirgendwo sonst gesehen.
Nachtzug nach Annaba
Nach den ersten Tagen in Algier steht eines der Highlights unserer Reise an: eine Fahrt mit dem Nachtzug quer durch Algerien. Die Strecke führt von Algier immer parallel zum Mittelmeer gen Osten in die Hafenstadt Annaba. Wir entfernen uns also nicht allzu weit von den vertrauten Ufern des Mare Nostrum, und doch fühlt es sich erneut wie eine gewaltige Mutprobe an. Wieder werden wir von den Einheimischen regelrecht adoptiert. „You look like foreigners in need of help“, spricht uns Noor, eine junge Frau aus Tunis, am Bahnhof Agha an. Und in der Tat: Wir versuchen hier seit Stunden, an eine Fahrkarte für unseren Nachtzug zu gelangen, und sind zunehmend verzweifelt. Das Personal vertröstet uns: In drei Stunden sollen wir noch einmal fragen. Dann heißt es, der Zug hat Verspätung, wir sollen in zwei Stunden wiederkommen. Wir verbringen schließlich den ganzen Nachmittag und Abend am Bahnhof, bis uns alle dort kennen. Ein Lokführer nimmt Helmut auf den Führerstand seines Stadler-Triebwagens mit, ein junger Mann bringt uns Kaffee, ein anderer schenkt mir eine Küchenrolle gegen meinen aufkommenden Schnupfen.
Als wir gegen 21 Uhr abends ehrfürchtig den schönen silbernen Zug betreten, freunden sich die zwei Leute in unserem Abteil sofort mit uns an. In einer äußerst lebendigen Mischung aus Arabisch, Französisch und Englisch werden wir in das algerische Nachtzugleben eingeführt. Als ich mich schließlich im oberen Bett hinlege, schaukelt es so stark, dass ich die Augen schließe und bete. Bitte, bitte lass uns nicht entgleisen… Kaum bin ich in einen unruhigen Schlaf gefallen, weckt mich unsere Abteilkollegin Chaima wieder auf: Sie telefoniert mitten in der Nacht lauthals mit ihrer Freundin in Algier. Chaima trägt kurze Haare und kein Kopftuch, als wäre es selbstverständlich – dabei ist ihre Erscheinung eine echte Seltenheit in dem religiös geprägten Land, in dem traditionelle Rollenbilder und strikte Geschlechtertrennung herrschen.
Morgens – wir sind doch nicht entgleist – bekommen wir ein kleines Frühstück und frischen Kaffee serviert. Der Zug rattert an Phosphat-Waggons vorbei, an den unvermeidlichen Kaktusfeigen-Hecken und an den ersten Häusern von Annaba. Die Sonne scheint angenehm warm auf mein übermüdetes Gesicht, als wir in dem gepflegten Bahnhof aussteigen, und der Schaffner kümmert sich höchstpersönlich darum, dass wir ein Taxi finden. Wir bedanken uns mit einem neu gelernten Wort: „Sahha!“ – Danke!
Die Schluchten von Constantine
Von Annaba nehmen wir ein Taxi Collectif nach Constantine, mit dem wir mit einigen anderen Passagieren eineinhalb Stunden lang durch das algerische Hinterland brausen, während wir religiösen Gesängen aus dem Radio lauschen. Angekommen in der spektakulären Schluchtenstadt, gehen wir auf Empfehlung der Mitarbeiterin in unserem Hotel in das Ethno-Restaurant „Igherssan“ essen, dessen Inneneinrichtung ein wenig an ein Zelt in der Sahara erinnert. (Der Name stammt aus der Sprache der Berber und appelliert an die Solidarität in der Gesellschaft.) In der Speisekarte ist zu lesen:
The people of Constantine are conservative in their Islamic traditions while remaining open to other cultures.
Dieses kleine Sätzchen hilft mir, mit dem Kulturschock fertig zu werden, der in Algerien jeden Tag noch größer wird. Ich fühle mich wie auf einem fremden Planeten, auf dem ich vorsichtig herumtapse und bei jedem Schritt merke, wie anders ich bin. (Alleine schon die Aufmerksamkeit, die wir den unzähligen Straßenkatzen widmen, macht uns verdächtig.) Trotz des offensichtlichen Alien-Status kann ich nicht aufhören, mich neugierig umzusehen und damit zu riskieren, noch mehr aufzufallen. Es gibt einfach unendlich viel zu sehen: Die Straße vor unserem Hotel verwandelt sich alle paar Stunden, je nachdem, ob gerade Markt ist oder nicht.
Völlig überraschend kommt dann das Leben in dieser quirligen Stadt zum Stillstand. Die Freitagsruhe verschafft uns eine unerwartete Atempause, und ich genieße es, mich in den verwaisten Gassen unbeobachtet mit den Katzen beschäftigen zu können. Sogar die Seilbahn steht still, und wir verschieben die Fahrt auf den Hügel jenseits der großen Schlucht um einen Tag. Stattdessen fahren wir mit der Straßenbahn eine Stunde lang in die Satellitenstadt Ali Mendjeli. Dort wird jeder Schritt mit dem Gedanken begleitet, dass es nicht selbstverständlich ist, hier zu sein. Die Gräben sind tief, nicht nur in der Landschaft, in der sich Constantine so wunderschön einfügt, sondern auch in der Gesellschaft: Der blutige Kampf um die Unabhängigkeit von Frankreich, der algerische Bürgerkrieg, die anhaltende Repression – all das hat Spuren hinterlassen. Für mich wird das in dem Gefühl spürbar, hier an einem Ort zu sein, an dem wir als Fremde gar nichts zu suchen haben. Und trotzdem sind wir willkommen.
Im Trans-Maghreb-Express
Bevor wir in Annaba in den Zug nach Tunis einsteigen, schauen wir uns noch in der Hafenstadt um. Annaba ist für die langen Sandstrände und die römischen Ausgrabungen von Hippo Regius bekannt, aber das Stadtzentrum selbst finde ich nicht gerade charmant. Das ändert sich rasch, als uns ein Mann anspricht, der sich als Fuad vorstellt: ein lokaler Künstler, der uns einen Nachmittag lang unter seine Fittiche nimmt. Er lädt uns auf einen traditionellen Kaffee ein, öffnet uns die Türen seines Hauses und bringt uns sogar in eine Moschee. (Die einzige religiös genutzte Moschee im Maghreb, die wir je betreten durften!) Die Begegnung mit Fuad bringt mich zum Nachdenken: Wann hätte ich diese Muße, mich stundenlang dem Moment hinzugeben? Er lächelt und sagt:
Ihr in Europa lebt mit euren To-do-Listen und Terminen. Wir hier haben Zeit…
Am Abend nützen wir die Annehmlichkeiten unseres Hotels: Die Business-Absteige „Seybouse“ (benannt nach dem örtlichen Fluss) umhüllt uns mit Luxus; dank des algerischen Preisniveaus ist eine Übernachtung fast so günstig wie in einer europäischen Jugendherberge. Am nächsten Morgen kommen wir mit einem Deutschen ins Gespräch, der als Mitarbeiter einer Logistikfirma öfter in Algerien unterwegs ist. Er gibt uns einen Einblick in die deutsch-algerische Zusammenarbeit: „Gnadenloses Chaos“ seufzt er, bevor er seine einheimischen Kollegen mit Schulterklopfen begrüßt. Trotzdem wagen wir nach dem Frühstück den Versuch, mit dem Zug nach Tunesien zu fahren, und bis auf eine dreistündige Verspätung hält sich das Chaos glücklicherweise in Grenzen.
Der Zug rattert zunächst durch die Ebene im Hinterland von Annaba, um sich dann immer höher hinaufzuwinden. Wir schaukeln stundenlang durch eine spektakuläre, saftig grüne Hügel- und Berglandschaft, die nur von wenigen Menschen besiedelt ist. Wenn wir genug von der Ruhe in unserem gemütlichen Waggon haben, holen wir uns im Speisewagen einen Kaffee: Hier wird geraucht, Musik gehört und gelacht. Die angenehme Stimmung im Zug wird nur durch die zwei äußerst langwierigen Grenzkontrollen unterbrochen: zuerst in Souq Ahras auf der algerischen Seite, dann in Ghardimaou in Tunesien. Unser Gepäck wird mehrfach durchleuchtet, bis auch der letzten Grenzbeamtin klar ist, dass wir allesamt nur einfache Passagiere sind. In Ghardimaou kommen wir mit einer Neuseeländerin ins Gespräch, die sich alleine nach Marokko und weiter bis Ghana durchschlagen will. Ein Rätsel, wie sie das anstellen möchte: Denn während die algerisch-tunesische Grenze nach Jahrzehnten endlich wieder mit dem Zug überquert werden kann, ist die Grenze zu Marokko weiterhin so dicht wie ein neu gekaufter Wassertank.
Unser Zug trägt in Tunesien das Kürzel „TM2“: eine Reminiszenz an den Trans-Maghreb-Express, der einst quer durch Nordafrika unterwegs war. Heute eine utopische Vorstellung! Aber wir leben zumindest einen Teil des Traums, als es nach zwölf Stunden Zugfahrt heißt: „Bienvenue à Tunis“.
Nachbarschaft im Maghreb
Bevor wir mit der Fähre nach Sizilien übersetzen, verbringen wir noch vier Tage in Tunesien: Zunächst sind wir in der Hauptstadt Tunis, dann in dem hübschen Küstenort Bizerte. Hier haben wir – erneut mit Blick auf das Mittelmeer – ausgiebig Gelegenheit, um über die Unterschiede zwischen Tunesien und Algerien nachzudenken. Ich notiere:
Algerien ist deutlich sauberer als Tunesien. An der Peripherie der algerischen Städte dominieren Plattenbauten im sozialistischen Stil, die es in Tunesien kaum gibt. Die Menschen sind außerordentlich freundlich und offen; in Tunesien werden wir eher skeptisch angeblickt oder auch angebettelt. In Algerien ist die Geschlechtertrennung im öffentlichen Raum noch stärker ausgeprägt; fast alle Frauen tragen ein Kopftuch, die Männer häufig traditionelle Kleidung. Während es in Tunesien überall die beliebten Second-Hand-Märkte mit europäischer Ware gibt, finden wir in Algerien praktisch nur Produkte aus Fernost. Die tunesischen Straßenkatzen sehen gesünder aus, die Luft ist auch etwas besser. Algier ist eine echte Metropole, Tunis wirkt dagegen wie eine hübsche Kleinstadt. Auch architektonisch sticht Algier mit vielen beeindruckenden Bauten hervor, dafür ist die Bausubstanz in Tunesien besser erhalten. Der französische Einfluss dürfte in Algerien größer sein, leben doch sieben Millionen Menschen algerischer Abstammung in Frankreich. In Tunesien gibt es keine komfortablen Nachtzüge; der Fernverkehr ist kaum noch der Rede wert. Die tunesische Küche ist ebenso gut wie die algerische, es gibt aber erhebliche kulinarische Unterschiede. Während ich in Algerien kein einziges Mal den langweiligen „Couscous aux légumes“ bestellen musste, komme ich in Tunesien nicht drumherum. Und: In Tunesien trinkt man Citronnade, in Algerien Hamoud. Der Kaffee ist aber überall gleich gut!
Die große Unbekannte in Nordafrika ist der östliche Nachbarstaat Libyen: Rund sieben Millionen Menschen leben in dem politisch zerrütteten Land, das aus Sicherheitsgründen praktisch unzugänglich ist. Zu unserem Erstaunen treffen wir aber einige Touristen mit libyschem Pass. Junge Libyer sprechen uns an, zeigen uns Selfies aus Istanbul und Algier und erzählen von ihrem Wunsch, die Welt zu entdecken. Es sind Begegnungen wie diese, die mir eine völlig neue Perspektive eröffnen, und ich wäre neugierig, ihrer Einladung nachzukommen:
I live in Misrata, it’s a beautiful city. Come visit us!
Eine kurze Recherche im Internet zeigt allerdings schwarze Straßen und ausgebrannte Gebäude. Wie so oft bin ich erschüttert, dass politische Systeme trennen, was zusammengehört: Denn in Wahrheit regiert die Sahara alle Länder in Nordafrika.
Die Kuppeln von Palermo
Die letzte große Stadt auf unserer Reise ist Palermo auf Sizilien. Innerhalb von nur zwölf Stunden erreichen wir von Tunis aus mit der „Catania“ europäische Ufer und werden von einem Regenbogen begrüßt. Noch ein letztes Mal lassen wir die langwierigen Einreiseformalitäten über uns ergehen, dann sind wir zurück in der Freiheit des Schengenraums. Ich bekomme bald einen umgekehrten Kulturschock: Anstatt permanent aufzufallen, gehen wir hier in der Masse unter. Flugzeuge und Kreuzfahrtschiffe karren einen endlosen Strom an Tourist:innen heran, das Stadtzentrum ist eine einzige Ansammlung von Souvenirläden, Cafés und Bars (Alkohol überall!). Die Angst vor der Mafia ist längst Geschichte, Palermo zählt heute zu den sichersten Städten in Italien. Durch den Tourismus hat sich viel verändert, und die Kritik auf den Fassaden der Stadt bleibt nicht aus: „Tourists go home“, „Tourism is Colonialism“. Als die Reisenden, die wir sind, fällt es uns aber leicht, uns nicht angesprochen zu fühlen.
Stattdessen achte ich besonders auf die Hinweise, die von der jahrhundertelangen Verbundenheit des mediterranen Raums zeugen: In der Kirche La Martorana finden sich eingemeißelte Inschriften auf Arabisch (natürlich Suren aus dem Koran), im Palazzo Reale entdecke ich gar eine arabisch-lateinisch-griechische Tafel, die in den drei Sprachen auch drei verschiedene Zeitrechnungen enthält. Und ich halte stets Ausschau nach den Kuppeln von Palermo: Der arabische Einfluss in der Architektur ist bei den Kirchen San Cataldo und San Giovanni degli Eremiti unübersehbar. Die Kuppeln trösten mich ein wenig darüber hinweg, dass wir den nordafrikanischen Raum hinter uns gelassen haben. Denn so aufreibend unsere Reise war, so erfüllend und beeindruckend war sie auch. Bei einer ghanaischen Straßenhändlerin kaufen wir uns ein letztes Souvenir: Sie ist begeistert, dass wir auf ihrem Heimatkontinent waren, und kleidet uns gleich passend für die nächste Reise ein.
Die kurze lange Rückreise
Erst wird es aber Zeit für den Heimweg. Die Reise von Palermo nach Wien vergeht schnell und langsam zugleich: Zunächst nehmen wir den Nachtzug nach Rom – die Eisenbahnfähre über die Straße von Messina ist ein letzter Ferro-Höhepunkt, leider aber gegen Mitternacht -, wo wir Anschluss an das europäische Schnellzugnetz finden. Ab hier brausen wir los: Über Bologna geht’s ratzfatz nach Innsbruck. In Bologna trinken wir in der Bahnhofsbar schnell einen Espresso, und die Kellnerin freut sich über unseren Besuch: Sie stammt aus Marokko und erkennt sogleich die Insignien des Maghreb – ich trage in Tunesien erstandene Ohrringe in Form von Fatimas Hand. Auch in Innsbruck haben wir nur kurzen Aufenthalt, bevor wir dann die letzten paar Stunden zurück nach Wien brettern. Der Hauptbahnhof begrüßt uns gegen Mitternacht mit seiner üblichen Atmosphäre, die ich so deute:
Von hier aus kannst du jederzeit nach Payerbach-Reichenau und Neusiedl am See fahren. Oder darf’s heute zur Abwechslung mal ein Zug in Richtung Algerien sein?
Na dann: Hoffentlich bald wieder!

Hauptbahnhof sweet Hauptbahnhof
Weiterlesen
Unsere große Tunesien-Reise vor drei Jahren – ebenfalls per Zug und Fähre – ist hier dokumentiert: https://stadtstreunen.at/expedition-wuestenschiff-von-wien-nach-tunesien/
Literatur zu Algerien
Azouz Begag: Insel der Winde. Unionsverlag. (Eigenwillige Parabel auf das Leben eines algerischen Emigranten.)
Assia Djebar: Weit ist mein Gefängnis. Unionsverlag.
Assia Djebar: Die Frauen von Algier. Unionsverlag.
Thomas Meyer-Wieser: Architekturführer Algier. DOM Publishers. (Sehr empfehlenswert, um die vielseitige Architektur von Algier kennenzulernen!)
Petit futé: Algérie. Guide de voyage. (Der erste französischsprachige Reiseführer seit Jahrzehnten hat für Aufsehen und Freude gesorgt.)
Bernard Joliat: Traumländer der Welt. Algerien, Marokko, Tunesien. Parkland Verlag. (Deutschsprachige Reiseführer für Algerien findet man nur im Antiquariat. Dieser hier war allerdings aufgrund der blumigen Beschreibungen mehr amüsant als informativ.)
Daniel Krasa: Algerisch-Arabisch Wort für Wort. Reise Know-How Verlag.
Tipps & Tricks
Visum für Algerien: Die Einreise ist visumspflichtig. Wir haben vor der Abfahrt die algerische Botschaft im 19. Bezirk in Wien besucht und innerhalb einer Woche problemlos das Visum erhalten. Kostenpunkt: 105 Euro pro Person. https://embvienna.mfa.gov.dz/de/contact
Museen: Sehenswert sind jedenfalls das Archäologische Museum in Cherchell und das Miniaturenmuseum in Algier. Pflichtprogramm in Tunis ist das modernisierte Bardo Museum mit seiner umfangreichen Sammlung – tagesfüllend!
Verständigung: Kenntnisse des Arabischen öffnen natürlich alle Herzen, nur leider bin ich (trotz Linguistikstudiums *räusper*) bereits an der Schrift gescheitert. Die ehemalige Kolonialsprache Französisch wird überall gesprochen, aber nicht besonders gut – weder von mir noch von vielen Algerier:innen. Die wichtigsten Informationen sind aber immer auch auf Französisch angegeben, und manchmal wird auch Englisch gesprochen.
Reisezeit: Nicht im Sommer! Wir waren von Anfang bis Mitte Oktober in Algerien, und es hatte bis zu 30 Grad.
Liebe Leserin, lieber Leser! Wenn du Fragen oder Anregungen hast, hinterlasse gerne einen Kommentar unter dem Artikel oder schreibe mir persönlich an eva [at] stadtstreunen.at 🙂
Bonusbilder
Die besten Katzenfotos der Reise. Maunz!
















































































