Premiere auf der Koralmbahn

von Stadtstreunerin | Eva

Als ich ein Kind war, war die Koralmbahn noch ein Mythos: Die Vorstellung, dass eines Tages Züge unter diesem schönen Gebirgszug durchrollen sollten, war kaum realistisch. Die Ferien in dem ausgedehnten Wandergebiet zwischen Kärnten/Koroška und der Steiermark verbrachte ich dementsprechend auch mehr damit, Glitzersteine zu suchen und Kühe zu streicheln, als mir über Züge und Tunnels Gedanken zu machen. Und doch: Die erste Machbarkeitsstudie wurde bereits im Jahr 1991 angefertigt und verlief positiv.

Heute, 34 Jahre später, ist die Koralmbahn eröffnet – und jetzt schon legendär. Das liegt natürlich an den spektakulären technischen Errungenschaften. Das größte Infrastrukturprojekt der Zweiten Republik geizt nicht mit Superlativen: Der mit 33 Kilometern Länge sechstlängste Tunnel der Welt, geeignet für eine Durchfahrt mit 250 Stundenkilometern, verkürzt die Fahrzeit von Graz nach Klagenfurt/Celovec von mehreren Stunden auf lediglich 38 Minuten. Spannend ist auch die politische Geschichte, denn die Koralmbahn war lange Zeit höchst umstritten: Ein „Milliardengrab“, ein „Prestigeprojekt“ ohne echten Nutzen, hieß es von Umweltschutz-NGOs und von den ÖBB selbst. Ausgerechnet Jörg Haider wusste sich als Befürworter zu inszenieren; er spielte den Koralmtunnel geschickt gegen den Semmeringbasistunnel aus. Das Bauprojekt hat etliche Regierungen kommen und gehen gesehen, eine umfassende Reform der ÖBB überstanden, unerwartete technische Herausforderungen lösen müssen und zuletzt noch die Auswirkungen der Corona-Pandemie zu spüren bekommen. Irgendwann war es aber einfach zu spät, um das Projekt nicht abzuschließen: eine österreichische Lösung im ganz großen Maßstab. 

Die schnelle Verbindung zwischen Graz und Klagenfurt/Celovec bietet auch heute noch Raum für Visionen: Pendeln, Arbeiten, Leben – so viele neue Möglichkeiten! Wie die beiden Regionen, in der insgesamt 1,8 Millionen Menschen leben, künftig zusammenwachsen, wird sich aber erst in den nächsten Jahren bis Jahrzehnten herausstellen. Die Koralmbahn selbst hat jedenfalls alle Zeit der Welt: Die Infrastruktur ist darauf ausgelegt, dass sie dieses Jahrhundert locker übersteht. 

Interview mit einem Koralmbahn-VIP

Unsere Premierenfahrt am 14. Dezember 2025 von Wien über Graz und Klagenfurt nach Villach ist aber auch aus einem anderen Grund eine ganz besondere Zugfahrt: Helmut hat die Fahrpläne für diese Strecke konzipiert und ist damit ein echter Koralmbahn-VIP. Er, der sonst so pressescheu ist, konnte es seiner liebsten Reisegefährtin nicht abschlagen, einige Fragen rund um die Koralmbahn zu beantworten – nachzulesen im folgenden Exklusivinterview:

Eva: Wie lange hast du an den neuen Fahrplänen getüftelt? 

Helmut: 2012 habe ich erstmals ein Konzept erstellt, das die Grundlage für die heutigen Fahrpläne bildet. Das heißt aber natürlich nicht, dass ich 13 Jahre lang daran gearbeitet habe. Das ursprüngliche Konzept wurde dann immer wieder überarbeitet und verfeinert. Im Wesentlichen war der Fahrplan für die Koralmbahn letztes Jahr fertig, nur ein paar Details mussten noch angepasst werden. Die ersten fahrplanerischen Überlegungen reichen übrigens in die 1990er Jahre zurück. Die Vorgabe war damals, dass die Strecke zwischen Graz und Klagenfurt in unter einer Stunde bewältigt werden muss, um sinnvolle Taktknoten zu etablieren. Das hat letztlich die Streckenführung über Deutschlandsberg und St. Paul mitbestimmt, andere Ideen wurden im Zuge der Machbarkeitsstudie wieder verworfen. 

Eva: Was war dabei besonders herausfordernd für dich? 

Helmut: Das Konzipieren der Fahrpläne war keine Herausforderung im eigentlichen Sinne. Aber bei der Koralmbahn ist schon besonders, dass sich die Fahrpläne in ganz Südösterreich geändert haben: Südstrecke, Tauernbahn, aber auch die Querverbindungen durch das Mur- und Ennstal und am Phyrn. Der gesamte Regionalverkehr in Kärnten und der Steiermark wurde auf den Kopf gestellt. Es waren unzählige Abstimmungen notwendig, weil viele Menschen an vielen verschiedenen Stellen involviert waren. Nicht nur in Österreich: Die Koralmbahn hat auch Auswirkungen auf den internationalen Verkehr nach Deutschland, Tschechien, Slowenien und Italien. 

Eva: Die Koralmbahn gilt als wichtiges Teilstück der baltisch-adriatischen Achse. Bedeutet das z.B., dass es bald direkte Züge von Danzig bis Triest geben könnte?

Helmut: Dieser Korridor hat für den Güterverkehr mehr Relevanz als für den Personenverkehr, und auch da geht es mehr um Teilstrecken als um die gesamte Strecke. Es bringt ja nicht viel, Güter vom Hafen in Danzig zum Hafen in Triest zu transportieren. 

Eva: Wie hast du deine persönliche Koralm-Premiere erlebt?

Helmut: Meine erste Fahrt durch den Tunnel war im August dieses Jahres, da war ich recht entspannt. Es war hauptsächlich dunkel. 🙂 Im Dezember war ich sehr aufgeregt, ob die Züge pünktlich sind und alles klappt. Insgesamt war ich bei diesem Fahrplanwechsel aber sehr zufrieden. Ich bin auch gespannt, wie sich der Süden Österreichs in den nächsten Jahren entwickelt. Viele Effekte stellen sich nicht von Anfang an ein, z.B. wie sich Siedlungsstrukturen ändern oder wo Menschen ihren Lebensmittelpunkt haben. 

Eva: Wir werden jetzt sicher öfter mal schnell in den Süden fahren und diese Entwicklungen beobachten. Ich nehme mir jedenfalls jetzt schon eine Inspiration für den Alltag mit: Berge zu versetzen ist gar nicht notwendig, wenn man stattdessen einen Tunnel graben kann! 


Weiterlesen 

Wanderbericht zur Koralm-Überquerung (Oktober 2022): https://stadtstreunen.at/wieder-einmal-ueber-die-koralm/

„Premierenzug durchfuhr Koralmtunnel“ (Pressebericht im ORF, 12.12.2025): https://orf.at/stories/3414216/

„Ein langer Traum vom Süden“ (Pressebericht im Standard, 12.12.2025): https://www.derstandard.at/story/3000000299789/traum-vom-sueden-wie-der-koralmtunnel-nach-34-jahren-wirklichkeit-wurde

Stadtstreunen-Tipps

Das Museum im Lavanthaus im Wolfsberg zeigt Fossilien und Mineralien, die (unter anderem) bei den Grabungsarbeiten gefunden wurden – sehr faszinierend! https://www.museum-lavanthaus.at/

Das Museum für Geschichte in Graz und das Kärnten Museum in Klagenfurt/Celovec bieten unter dem Motto „Zwei Museen, eine Ausstellung“ eine übergreifende Ausstellung namens „Aufbruch“ (siehe Titelfoto dieses Artikels): https://www.museum-joanneum.at/aufbruch

In Graz gibt’s mit dem „Friendly Alien“ ein sehr spezielles Museum zu besichtigen, das jedenfalls eine Reise wert ist: https://stadtstreunen.at/ein-ausserirdischer-besuch-in-graz/

Sehenswert ist auch das wunderschön gelegene Benediktinerstift in St. Paul im Lavanttal: https://www.stift-stpaul.at/ (Danach ins nahe Gasthaus Poppmeier einkehren!)

Grüße nach St. Paul!

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