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Geschwungene Giebel inmitten der Teiche – ein Ausflug nach Třeboň

gepostet von Stadtstreunerin 21. August 2018

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Ob zu Fuß oder mit dem Rad, die Stadt ist alles: Abgrund und Poesie, Geschichte und Gegenwart – zugleich!

Die zweite Folge führt uns in die kleine Stadt Třeboň in Tschechien. Inmitten einer der größten Teichlandschaften von Mitteleuropa fügen sich geschwungene Giebel und bunte Fassaden zu einem gelungenen Ganzen zusammen. Aber was hat es mit den Karpfen von Třeboň auf sich?

Exklusiv zu hören auf Technikum City – und natürlich hier auf Stadtstreunen.at! 

Hier live hören!

 

Danke an Christian (zweite Stimme) und Martin (Produktion) 🙂 


Der letzte Ausflug

Manche Ausflüge weiß man erst im Nachhinein so richtig zu schätzen. Zum Beispiel, wenn man versteht, dass das mit den Ausflügen nicht immer so weitergehen wird. Wenn da plötzlich eine übermächtige Naturgewalt auftaucht und das lustige Herumreisen für immer beendet. Dann ist der letzte gemeinsame Ausflug auf einmal etwas ganz Besonderes! Auch wenn das Ziel echt ein bisschen spektakulärer sein könnte. Letzten April haben wir uns nämlich auf den Weg nach Třeboň gemacht.

Die Karpfen rufen

Nie gehört – wo ist denn das schon wieder? Das war so ziemlich meine erste Reaktion. Aber dann habe ich erfahren, dass Třeboň in Böhmen, im Süden von Tschechien, liegt – und den Landstrich kann ich doch ziemlich genau verorten. Die Kleinstadt ist hauptsächlich bekannt für die ausgedehnte Teichlandschaft rundherum. Die ist sogar von der UNESCO als Biosphärenreservat anerkannt. Und damit in direktem Zusammenhang steht die Karpfenzucht: In den Teichen rund um Třeboň züchten Fischer*innen die größte Menge an Süßwasserfischen in ganz Europa.

Zugegeben, ich war echt ein bisschen skeptisch. Ich mag Fische ja nicht mal wirklich. Im Wasser, okay. Aber bitte nicht auf meinem Teller! Dann war ich aber doch gespannt, ob mich dieses Třeboň mitsamt seinen Karpfen überzeugen würde können. 

Spuren von Wittingau

Mit dieser eher bescheidenen Erwartungshaltung sind wir dann also in den Zug eingestiegen und fast vier Stunden lang nach Třeboň gefahren. Die Fahrt war eigentlich ganz stimmungsvoll. 

Willkommen in Třeboň!

Und dann waren wir endlich in Třeboň, oder in Wittingau, wie die Stadt auf Deutsch heißt. Heute sagt man halt eher Třeboň, obwohl das schon deutlich komplizierter zum Aussprechen ist. Okay, eigentlich schauen nur die beiden Hačeks auf dem Wort kompliziert aus. Mit ein bisschen Übung alles kein Problem. Eine deutschsprachige Bevölkerung gibt es hier jedenfalls nicht mehr – alles ist jetzt schön einheitlich tschechisch. Auf den ersten Blick zumindest. Aber so ganz lässt sich die zweisprachige Vergangenheit der Stadt dann doch nicht verstecken.

Am besten haben wir das an einem der Stadttore erkennen können, das von der Altstadt in Richtung der Karpfenteiche führt. In Frakturbuchstaben ist dort eine deutsche Aufschrift über einer tschechischen gestanden: Fürst= schwartzenbergisch= befreite schûtz Stadt Wittingaû. Das war eine Art von Ortstafel in der Barockzeit. Eine zweisprachige! Damals waren sie offensichtlich weiter als heute… Und die Fürsten von Schwarzenberg sind hier verewigt. Sie haben viele Jahre lang eine wichtige Rolle in Wittingau bzw. Třeboň eben gespielt. 

Das barocke Stadttor

Fische für den Adel

Aber fast noch wichtiger für Třeboň war ein anderes Adelsgeschlecht aus Südböhmen: die Familie von Rosenberg. Die hat nämlich das mit der Karpfenzucht in die Wege geleitet. Und das schon vor über 500 Jahren! Damals hat der Oberfischmeister der Rosenbergs ein Kanalsystem gebaut. Das hat sämtliche Fischteiche in der Region miteinander verbunden. Ein paar Jahrzehnte später ist dann noch der größte Teich von Böhmen angelegt worden. Rožmberk heißt er und erinnert damit heute noch an die Familie.   

Fisch ist wichtig

Unter geschwungenen Giebeln

Aber bevor wir uns die Karpfenteiche angeschaut haben, sind wir noch durch die Altstadt von Třeboň spaziert. Und da gibt es einen wirklich tollen Hauptplatz. Ein hübsches Häuschen reiht sich hier an das nächste. Die Giebel sind alle auf ihre eigene Art gestaltet: Manche biegen sich nach außen, andere rollen sich ein bisschen ein, manche tragen Spitzen und wieder andere Hüte. Und ein Haus schaut überhaupt fast wie ein einziger Giebel aus. Passend dazu haben sich die Menschen für ihr Zuhause fantasievolle Namen einfallen lassen. Da gibt es das Haus zum weißen Pferdchen und das Haus zum Einhorn. Und irgendwo steht bestimmt auch das Haus zum lustigen Karpfen!

Schießscharten und das Pferdchen

Mehr Giebel als Haus

Das haben wir leider nicht gefunden, stattdessen aber immerhin das Schloss von Třeboň. Die Rosen- und Schwarzenbergs haben ja schließlich auch wo residieren wollen. Wir haben da natürlich sofort unsere Nasen in die verschiedenen Innenhöfe gehalten. Und die dicken Mauern und die runden Türme haben wir bewundert. Aber dann sind wir doch lieber in die Brauerei gegangen. Dort hat es keine Giebel gegeben, aber dafür gemütliche Bögen. Unter denen haben wir uns sehr wohlgefühlt. Ich weiß jetzt gar nicht mehr, ob Karpfen überhaupt auf der Speisekarte gestanden ist. Vermutlich aber schon – der nächste Karpfenteich war natürlich nur ein paar hundert Meter entfernt. So wie es sich halt gehört in Třeboň!

Angemessen residieren

Brutaler Brunnen

Teich an Teich

Nach dem Essen sind wir dann endlich dorthin spaziert. Und na ja, was soll ich sagen. Kein Karpfen weit und breit war da zu sehen. Die Wasseroberfläche hat in der Frühlingssonne viel zu sehr geblendet. Nur ein paar Enten haben wir beobachten können. Aber wir haben einfach daran geglaubt, dass da jetzt ganz, ganz viele Fische drinnen schwimmen. Und ein Ausflugsboot hat gerade seine Runden gezogen. Wenn wir mehr Zeit gehabt hätten, hätten wir uns die Teichlandschaft vom Boot aus anschauen können. Vielleicht hätten wir dann doch noch die berühmten Karpfen gesehen. Und vielleicht wäre ich dann wirklich bekehrt worden. Dann wären Karpfen jetzt meine neuen Lieblingstiere. Und ich wäre der größte Fan von Fischteichen!

Viel zu hell hier

Karpfenbeobachtungsposten

Das Leben ist kein Ausflug

Das ist aber nicht passiert. Stattdessen sind wir auf einen Eisbecher in die Konditorei am Hauptplatz eingekehrt und haben nochmal die Giebel ringsherum bewundert. Und dann sind wir wieder mit dem Zug nach Hause gefahren – recht früh natürlich. Der Heimweg hat ja wieder über vier Stunden lang gedauert. 

Und das war’s dann. Das Leben ist nämlich vieles, aber sicher kein Ausflug. Leider – da gibt’s dann eines Tages tatsächlich keine Rückkehr mehr. Aber die schönen Erinnerungen vom letzten gemeinsamen Ausflug, die bleiben – und das für immer. An dieser Stelle also ein herzliches Danke an die Teiche und insbesondere an die Karpfen von Třeboň – ich nehme alles zurück! Ihr seid einfach großartig! 

Baba, Třeboň!

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