„¿Un paso de peregrino? Sí, claro.“ Die Dame im Tourismusbüro von Donostia/San Sebastián drückt mir einen Pilgerpass in die Hand und verpasst mir gleich den ersten Stempel dazu. Ich betrachte die Symbole, die man im Pass ankreuzen kann: Wanderstöcke, ein Fahrrad, ein Motorrad oder ein Segelboot – aber kein Zug. Dabei sind Helmut und ich mit dem Zug am Jakobsweg unterwegs! „Schienenpilgern“ ist hier aber offenbar nicht vorgesehen. Genau genommen geht es uns auch mehr um die Bahnstrecke als um den Jakobsweg. Der Pilgerpass ist also eher ein günstiges Souvenir denn ein Beleg für meine spirituelle Reise.

Hallo Santiago!
Die Zugreise entlang des Jakobswegs gehört zu den längsten, die ich in den letzten Jahren unternommen habe. Hin und zurück überwinden wir etwa 6.000 Kilometer, und das in nur zehn Tagen. Warum tut man sich das an? Eine berechtigte Frage, die ich dann letztlich doch nur mit spirituellen Motiven beantworten kann… Wir huldigen der Eisenbahn auf unserem langen Weg von Wien nach Santiago de Compostela, und statten auch dem erklärten Ende der Welt einen Besuch ab: Fisterra, der galicische Name des westlichsten Außenpostens Spaniens, geht auf den lateinischen Namen „finis terrae“ (Ende der Welt) zurück.
Los geht’s mit einem ungarischen Nachtzug, der uns auf seiner Reise von Budapest nach Stuttgart zwischen Wien und Augsburg mitnimmt. Die gemächliche, schaukelige Reise nimmt ab Augsburg rasch an Fahrt auf: Mit zwei TGVs brettern wir quer durch Frankreich, von Augsburg geht’s über Straßburg, Paris und Bordeaux bis an den Grenzort Hendaye. Der Bahnhofswechsel in Paris – mit der Métro vom Gare de l’Est zum Gare Montparnasse – gehört definitiv zu den größeren Opfern, die wir auf dieser Reise bringen müssen. Der Pilgermantel wird hier besser zum Mantel des Schweigens umfunktioniert! 🙂
In Hendaye steigen wir in den Euskotren um, einen entzückenden Nahverkehrszug auf Meterspur, und fahren noch eine dreiviertel Stunde bis zum berühmten Küstenort Donostia/San Sebastián. Der Name „Euskotren“ verrät es bereits, ebenso der baskisch-spanische Name unseres Ziels: Wir befinden uns hier in Euskal Herria, dem Baskenland.
Kurzbesuch im Baskenland
Mit den Worten „Ongi etorria!“ heißt uns dieser Teil der Welt willkommen. Mit zahlreichen Plakaten, Stickern und Graffiti lässt man uns wissen, dass wir nicht in Spanien sind, und dass die künftige Unabhängigkeit des Baskenlandes nicht zur Diskussion steht. Ebenso kämpferisch zeigen sich die Einwohner:innen, wenn es um die Durchsetzung einer ethisch vertretbaren Form des Tourismus geht. Auf Schritt und Tritt werden wir darauf hingewiesen, dass die hübsche Stadt mit ihrer muschelförmigen Bucht nicht zum Verkauf steht. Uns als vorüberziehenden Schienenpilger:innen erscheinen diese Bemühungen ehrwürdig, eine von Massentourismus geprägte Stadt wie etwa Venedig oder Hallstatt sieht aber doch nicht ganz so beschaulich aus. Durch Donostia/San Sebastián führt zwar der Camino del Norte, aber die meisten Pilger:innen wählen mit dem Camino Francés eine andere Strecke abseits der Küste.
Wir verbringen hier einen feinen Tag unter dichten Wolken. Wer hat gesagt, dass Spanien im Sommer heiß sein muss? So bleibt es bei einem kurzen Bad im Atlantik, dafür machen wir einen umso ausgedehnteren Spaziergang über den Strand und durch die Gassen der Altstadt. Mit einer historischen Standseilbahn erklimmen wir den Vergnügungspark auf dem Monte Igueldo, der ebenfalls vom Charme der Vergangenheit geprägt ist. Die dortige Achterbahn zeigt sich entsprechend harmlos, hält aber trotzdem einen Nervenkitzel bereit: den unverstellten Blick hinunter zum grauen Ozean, mehrere hundert Höhenmeter tiefer gelegen.
Abends stellen wir uns über eine halbe Stunde an, um in eines der hochgelobten baskischen Lokale zu kommen, wo es dann (wenig erstaunlich angesichts des Atlantiks vor der Haustüre) nur sehr wenige vegetarische Gerichte gibt. Mehr Vielfalt bieten die Pintxos, die baskischen Tapas, die ähnlichen Kultstatus genießen wie die Baskenmützen oder der Nationalsport Pelota. Garniert wird unser Abendessen mit dem fröhlichen Lärm eines Festes zu Ehren der heiligen Carmen, das mit lauten Rufen nach der Unabhängigkeit des Baskenlandes unterlegt wird.
Bis ans Ende der Welt
Am nächsten Tag verlassen wir den stolzen Küstenort und fahren mit dem Bus nach Vitoria-Gasteiz, um dort, in der Hauptstadt des Baskenlandes, in einen Schnellzug Richtung A Coruña umzusteigen. Ab Burgos folgt die Strecke mehr oder weniger der Routenführung des Camino Francés bis zum Pilgerziel Santiago de Compostela. Viele Stunden lang düsen wir durch die weitgehend reizlose Landschaft der Meseta, die von ausgedehnten Feldern und langgestreckten Hügeln geprägt ist. Scherzhaft sage ich, dass hier die Sünden freiwillig runterspringen, wenn man wochenlang durch die staubtrockene Gegend wandern muss. Da verzichte ich gerne auf weitere Stempel in meinem Pilgerpass!
In Santiago de Compostela holt uns eine Freundin ab und bringt uns mit ihrem Auto nach Fisterra, wo wir spätabends ankommen. Als ich am nächsten Tag aufwache, muss ich erst einmal schallend lachen: Der Ort ist in dichten Nebel gehüllt, die Stimmung an Trostlosigkeit kaum zu überbieten. Hier soll das Ende der Welt sein, das mythische Ziel aller Jakobspilger:innen, die sich durch die Meseta gequält haben? Immerhin ist hier, in der Region Galicien, dank des Atlantiks nichts mehr dürr und öd: Die Landschaft rund um Fisterra strotzt nur so vor grüner Fülle. Als sich die Wolken endlich lichten, offenbaren sich uns die natürlichen Schönheiten dieses westlichen Außenpostens der iberischen Halbinsel. Die Szenerie erinnert nicht nur landschaftlich an Großbritannien oder Irland: Auch hier in Galicien haben die Kelt:innen deutliche Spuren hinterlassen.
Fisterra: zwischen Träumen und Ruinen
Gar nicht wenige Pilger:innen lassen sich nach dem Ende ihres Caminos hier nieder, darunter Hippies, Künstlerinnen und findige Unternehmer wie eine ungarische Familie, die in ihrem Café Sachertorte und Melange serviert. Allgegenwärtig sind Jakobsmuscheln, Wegweiser und der Spruch „Buen camino“. Einen wundersamen Kontrast zu der bunten Szenerie bietet die lokale Bevölkerung, die ein bescheidenes, von Fischfang und Landwirtschaft geprägtes Leben führt. Bemerkbar ist dies etwa an den Speisen in den Lokalen, die einfach und oft ungewürzt sind – was für ein Kontrast zum baskischen Feinschmeckertum! Gemeinsam haben die beiden Regionen das Streben nach Unabhängigkeit: Galicien möchte sich ebenfalls von Madrid lossagen, legt dabei aber deutlich weniger Verve an den Tag als das Baskenland.
Starke Strömungen und hohe Klippen haben diesem Küstenabschnitt den Namen Costa da Morte (Todesküste) eingetragen, und glaubt man den Erzählungen der Zugewanderten, so haben die Einheimischen auch heute noch die Mentalität von Piraten. Wir erkennen Spuren davon in der teils grotesk anmutenden Baukultur und in der lieblosen Gartengestaltung. Wozu in Haus und Garten investieren, wenn stets das Meer lockt? Und die berühmteste Sehenswürdigkeit ist ohnehin nicht im Dorf zu finden, sondern ein paar Kilometer weiter westlich: Der Leuchtturm von Fisterra ist der Endpunkt des Jakobswegs und gleichzeitig das Ende von Europa. Vor uns tut sich eine unermesslich große, tiefblaue Wasserfläche auf, in der sich Sehnsüchte ebenso wie Abgründe spiegeln. Auf der anderen Seite wartet New York.
Santiago: Huldigung und Hype
Manche sagen: Der eigentliche Weg beginnt erst nach dem Camino. In diesem Sinne machen wir uns nach ein paar Tagen in Fisterra wieder auf den langen Weg zurück nach Mitteleuropa. Dabei besuchen wir die alte Wallfahrts- und Universitätsstadt Santiago de Compostela und mischen uns dort unter hunderte, wenn nicht gar tausende von Pilger:innen. Auf dem beeindruckend großen Platz vor der Kathedrale liegen Menschen erschöpft im Schatten und kontemplieren das Ziel ihrer Wanderung. Andere feiern in ausgelassener Stimmung und werfen dabei mitunter sämtliche Pilger-Tugenden über Bord.
Der Jakobsweg ist ein Hype, und niemand scheint sich daran zu stören, dass die Verehrung des heiligen Jakobs historisch eng mit Fremdenfeindlichkeit und politischer Instrumentalisierung verwoben ist. Heute ist es die gnadenlose Kommerzialisierung, die man kritisieren könnte, wenn man wollte – doch anscheinend ist auch sie gottgegeben. Die Besichtigung der Kathedrale mit ihrem berühmten Weihrauchkessel (dem Botafumeiro) heben wir uns für das nächste Mal auf, da sie bereits geschlossen hat; stattdessen bestaunen wir das Spektakel in der Stadt. In den engen Gassen gibt es kaum noch ein Durchkommen, alle rauchen, trinken, reden durcheinander – kein Wunder, dass sich manche Einheimische gegen den steten Pilgerstrom wehren.
Zurück nach Mitteleuropa
Am nächsten Tag verlassen wir schon frühmorgens die Stadt, ein langer Reisetag liegt vor uns. Ein blitzschneller AVE bringt uns in wenigen Stunden nach Madrid, dort fahren wir via Barcelona weiter nach Puigcerdà. Eindrucksvoll ist der Wechsel der Landschaft: zunächst die grünen Hügel Galiciens, dann die wüstenähnliche Hochebene um Madrid und zuletzt die gebirgige Strecke hinauf in die Pyrenäen. In Puigcerdà spricht man Katalanisch: Schon wieder eine Region, die mit Spanien nichts zu tun haben möchte! Der sympathische Bergort ist unsere letzte Station auf der Reise. Hier stärken wir uns noch einmal, bevor wir erneut Frankreich durchqueren (und in Paris Bahnhof wechseln müssen…).
Am nächsten Tag fahren wir über Latour-de-Carol nach Toulouse, mit dem Nachtzug von Toulouse nach Paris (Austerlitz) und von Paris (Gare de l’Est) tagsüber über Mannheim, München und Salzburg zurück nach Wien. Genug Zeit also, um über Sinn und Unsinn des Lebens nachzudenken. Eine Antwort habe ich jedenfalls gefunden: Zugfahren ist auch nach 6.000 Kilometern immer noch großartig 🙂
Weiterlesen
Die Bücher „Auf dem Jakobsweg“ von Paulo Coelho (1999) und „Ich bin dann mal weg“ von Hape Kerkeling (2006) gelten als Wegbereiter des Ansturms auf den Jakobweg. Kritische Stimmen sind dagegen leise. Hier zwei Beispiele:
„Der Jakobsweg ist Geschichtsfälschung“. Der bekannte Wiener Soziologe Roland Girtler über den Pilger-Hype: https://economy.at/der-schwindel-mit-dem-jakobsweg/
„Der Jakobsweg – ein fader Pfad im Kurzporträt“. Launige Kritik am Jakobsweg: https://vivaperipheria.de/2023/10/22/der-jakobsweg-ein-fader-pfad-im-kurzportraet/
Eine ähnliche Reise nach Galicien, aber mit Schwerpunkt auf die Schmalspurbahn Feve, hat „Zugpost“-Verfasser Sebastian Wilken hier beschrieben: https://zugpost.org/feve-schmalspurbahn/
Tipps
Donostia/San Sebastián: Die Auswahl an Lokalen ist riesig. Besonders gut gefallen haben uns die Pintxos-Bars Oquendo und Bare Bare.
Fisterra: Die ungarische Pastelería Batidor ist jedenfalls einen Besuch wert. Nebenan ist das Hotel VIDA: das gemütlichste Hotel, in dem ich je übernachtet habe. In der Nacht trappeln die Möwen lustig, aber nicht gerade sanft auf dem Dach herum.
Puigcerdà: Gleich gegenüber vom Bahnhof bietet das liebevoll eingerichtete Restaurant La Estació Kaffee für von langen Zugreisen ermüdete Passagiere.
Toulouse: In der künstlerischen Bar am Place de Belfort, wenige Minuten vom Bahnhof Matabiau entfernt, lässt sich die Wartezeit auf den nächsten Zug herrlich verkürzen.
Warst du, liebe Leserin, lieber Leser, schon mal auf dem Jakobsweg unterwegs? Welche Erfahrungen hast du gemacht? Lass gerne einen Kommentar hier oder schreibe mir eine Mail an eva (at) stadtstreunen.at!












































