Gespräche

Das Potential der Vorstadt – Stadtforscher Walter Rohn im Gespräch

gepostet von Stadtstreunerin 29. September 2016
Grafitti mit Aufschrift "Vorstadt Aufstand"

Kultur entsteht aus uns und bindet uns ein, sie schafft Identität und Zugehörigkeit, sie sorgt für Bildung, Weiterentwicklung, Freude am Leben. Ob wir sie wahrnehmen, liegt an uns – Kultur ist überall. Also auch am Stadtrand?

Bild_Walter_Rohn

Dr. Walter Rohn geht am Institut für Stadt- und Regionalforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften genau dieser Frage nach: In einem ausführlichen Gespräch erzählt er über seine vergleichende Studie über Kulturpolitik in Wien, Paris, Berlin und Zagreb und stellt einige Kulturinitiativen in verschiedenen Außenbezirken von Wien vor. Partizipation, Förderung und Vernetzung sind dabei wichtige Stichwörter – und der Mut, die Vorstadt zu entdecken und ihr mehr zuzutrauen. 


Eva: Erzähle mir doch bitte ein bisschen mehr über dein Langzeitprojekt „Newcult – Die neue Kultur am Rand der Städte“ (2006-2014).

Walter Rohn: Ende der 1990er Jahre konnte ich beobachten, wie in Wien in den Außenbezirken eine ganze Reihe von neuen Kulturprojekten entstand, etwa das SOHO in Ottakring oder das Kabelwerk in Meidling. Da ich selbst in einem Außenbezirk, in Floridsdorf, in die Schule gegangen bin, hat mich die Thematik zu interessieren begonnen und ich habe mich um die Finanzierung für ein Projekt bemüht. Nach etlichen Anläufen hat das dann geklappt und ich habe zunächst drei Bezirke in Wien näher untersucht. Dabei habe ich mich für den 16. (Ottakring), den 19. (Döbling) und den 21. Bezirk (Floridsdorf) entschieden, die eine unterschiedliche Bevölkerungsstruktur aufweisen – damit ich klassische Arbeiter*innenbezirke wie den 16. und den 21. dabeihabe und als Kontrast den 19., in dem eher die Oberschicht beheimatet ist. Als Vergleich dazu habe ich einen großen Bezirk im Osten von Paris genommen, das 20. Arrondissement, auch Ménilmontant genannt. Begonnen habe ich meine Recherche mit – ja, mit Stadtstreunen. Der Begründer der berühmten Chicagoer Schule der Soziologie, Robert Ezra Park, hat das ‚Nosing Around‘ genannt: einfach mal umhergehen und schauen, wo es etwas gibt – und das Schönste ist dabei immer, wenn man etwas durch Zufall entdeckt.

Eva: Finde ich auch!

Walter Rohn: So bin ich diese ausgewählten Gebiete abgegangen und habe meine Entdeckungen festgehalten, kartiert, mit Fotos dokumentiert. Dann folgte die teilnehmende Beobachtung: Ich bin zu Kulturveranstaltungen hingegangen, habe Theater, Konzerte und Lesungen besucht und mit den Verantwortlichen gesprochen. Im Vorfeld habe ich Material dazu gesammelt, Flyer und Prospekte und Informationen im Internet. Ein zweiter Zugang waren sogenannte Expert*inneninterviews, wo ich mit Leuten gesprochen habe, die in der Kulturpolitik, in der Stadtentwicklung, bei der Leitung von Kulturprojekten tätig sind; außerdem habe ich die Bezirksvorsteher in Wien interviewt und in Paris die dortigen Kulturverantwortlichen.

In einem weiterführenden Projekt habe ich noch Zagreb und Berlin mit dazugenommen, in Berlin war das Neukölln und in Zagreb ein Bezirk südlich der Save, Novi Zagreb. Das war dann zwar nicht ganz so ausführlich wie in Paris und Wien, aber ich habe diese beiden Bezirke doch auch einigermaßen gut abgedeckt. Jetzt arbeite ich gerade an einer vergleichenden Analyse über die Unterschiede in der Kulturpolitik, was das Verhältnis dieser vier Städte zu ihren Randbezirken angeht.

Eva: Kannst du ein bisschen konkreter erzählen, wo die Unterschiede in der Kulturpolitik zwischen Wien, Paris, Berlin und Zagreb liegen?

Walter Rohn: Interessant finde ich z.B., dass sich in Deutschland und Österreich, die ja dezentrale, föderalistische Staaten sind, in den Stadtrandgebieten der Hauptstädte eher weniger tut, während die zentralistischen Staaten Kroatien und Frankreich mehr Wert auf die Kultur am Stadtrand legen. Im Vergleich zwischen Paris, Berlin und Wien ist es so, dass Paris viel mehr Geld in den Stadtrand investiert und auch Infrastrukturen schafft, wie Bezirksmediatheken, lokale Kulturzentren, Arthousekinos und Ähnliches. Zwar werden größere Projekte schon zentral gefördert, aber die Bezirke erhalten pro Einwohner*in zusätzlich einen Euro, was ihnen viel mehr Spielraum bringt. Allerdings ist das fast schwierig zu vergleichen, weil die Stadt Paris mit 2,2 Millionen Einwohner*innen das Zentrum einer riesigen Agglomeration mit 12 Millionen Menschen bildet. Das heißt, das 20. Arrondissement hat eine Doppelfunktion: Für das Zentrum liegt es am Rand, für die Agglomeration liegt es im Zentrum. Dennoch tut die Stadt mehr für den Rand des Zentrums, das Kulturbudget wurde in den letzten Jahren massiv erhöht.

Was Berlin angeht: Berlin hat Kulturförderung auf drei Ebenen, den Bund, den Senat und den Bezirk, wobei die Bezirke wesentlich mehr Aufgaben am Kultursektor als in Wien haben. Sie haben zwar mehr Geld, aber nicht genug – Berlin ist ja chronisch pleite und es gibt überall bei Kulturprojekten ein ziemliches Gerangel um das Geld. Bezirksmuseen, Musikschulen, Volkshochschulen (VHS) und so weiter sind hier Bezirksangelegenheit und die Bezirke müssen schauen, wie sich das ausgeht, eventuell auch mit der Unterstützung durch private Stiftungen. In Berlin heißt es, wenn man mit den Kulturverantwortlichen spricht, dass Wien in dieser Hinsicht ein wahres Paradies ist!

In Zagreb hingegen ist es so, dass alles über die zentrale Stadtverwaltung läuft – die Bezirke haben hier relativ wenig Eigenverantwortung, aber vom Zentrum aus fördert die Stadt viele Initiativen am Stadtrand. Es gibt noch aus der kommunistischen Zeit so Bezirkskulturzentren, eine Mischung aus einem Kulturzentrum und einer VHS, die vor Ort aktiv sind. Im Gegensatz zu Berlin und Wien haben sie in Zagreb bewusst ein großes Projekt, das Museum für zeitgenössische Kunst, an den Stadtrand verlegt. Das ist so, als würde man das Wiener Mumok in die Großfeldsiedlung in der Leopoldau versetzen. Ein tolles Ding, wie ein riesiger Tanker mit drei Ebenen, das eine große Sammlung und viele internationale Kontakte hat. Daneben gibt es in Novi Zagreb noch eine Sport- und Multifunktionshalle, zwei Multiplexkinos – das zähle ich auch zur Kultur – und zwei Bezirkskulturzentren. Zusammenfassend kann man sagen, dass in Paris und Zagreb wesentlich mehr am Stadtrand passiert.

Eva: Und das liegt an der Förderung, nehme ich an, an einer gezielten Politik.

Walter Rohn: Grundsätzlich liegt es am Commitment der jeweiligen Stadtverwaltung. Das soll sich in Wien jetzt auch ändern: Kultur-Stadtrat Andreas Mailath-Pokorny hat eine Initiative gestartet, um Kultur in den Bezirken zu fördern, da gab es schon erste Treffen. Ich hoffe aber, dass das noch an Dynamik gewinnen und bekannter gemacht wird.

Eva: Ganz allgemein: Was bringt es überhaupt, die Kultur am Stadtrand zu fördern?

Walter Rohn: Naja, wäre ich Politiker, würde ich sagen: Um die Wähler*innen bei der Stange zu halten – immerhin leben drei Viertel aller Wiener*innnen außerhalb des Gürtels. Das heißt, große Wähler*innenschichten leben in Transdanubien, in Favoriten, in Simmering – während man innerhalb des Gürtels nur wenig Stimmen sammeln kann. Marie Ringler, die frühere Kultursprecherin der Wiener Grünen, hat mal geschätzt, dass ungefähr 80% des Wiener Kulturbudgets innerhalb des Gürtels investiert werden. Das Verhältnis ist also genau auf den Kopf gestellt. Die Randbezirke sind dabei generell benachteiligt, was die Infrastruktur angeht: Es beginnt bei höheren Schulen, Ärzt*innen, Geschäften, Banken – sogar diese Car-Sharing- und City-Bike-Standpunkte sind hauptsächlich innerhalb des Gürtels angesiedelt. Dieses Infrastrukturdefizit könnte man ein bisschen ausgleichen, indem man kleinere Kulturzentren oder Initiativen unterstützt. Damit fördert man auch das Miteinander der Menschen, teilweise auch die politische Partizipation, quasi die Demokratie auf lokaler Basis. Das wäre ein schöner Ansatz, aber es geht hier ja nicht nur um Kulturinfrastruktur. Was die Außenbezirke aber haben, ist Platz – es ist grüner, es gibt mehr Sportplätze und Bäder, auch mehr große Einkaufszentren, das sind die Vorteile.

Eva: Aber es verläuft sich auch am Stadtrand ziemlich, oder?

Walter Rohn: Das ist auch ein Problem, ja. Das ist dann wieder die Aufgabe der Stadt Wien, das vermehrt zusammenzubringen. In Ottakring sind viele Initiativen nebeneinander, das fördert den natürlichen Austausch. In Floridsdorf ist halt ein Projekt da, eines dort, und ein drittes in Stammersdorf draußen, aber die könnte man durchaus mit modernen Kommunikationstechnologien besser vernetzen. Allerdings ist das in Ottakring auch alles eher im innenstadtnahen Bereich, ein bisschen weiter draußen ist noch dasBACH – die Veranstaltungen in der Brauerei sind so die Außenposten Richtung Westen, aber natürlich ist das noch lange nicht Stadtrand.

Eva: Ja, das ist mir aufgefallen: Immer wieder ist die Rede davon, dass die Kultur in Ottakring an der Peripherie stattfindet, dabei ist, wenn man sich den Plan von Wien anschaut, der Brunnenmarkt sogar zentraler gelegen als so manche Ecke in Margareten oder der Landstraße.

Walter Rohn: Der Gürtel ist natürlich nur eine administrative Grenze, die die Innen- von den Außenbezirken abgrenzt. Aber du hast völlig recht, dass dieser Teil des 16. Bezirks sehr innenstadtnah ist. Der Vorteil ist hier, dass es ein dicht bebautes, kleinteiliges Gebiet ist, wo einigermaßen gute Infrastruktur vorhanden ist. Der eigentliche Auslöser waren diese neuen Lokale in den Stadtbahnbögen, die in den 1990er Jahren eröffnet wurden, und das hat dann über den Gürtel hinausgewirkt. Der Westgürtel ist in dieser Hinsicht wirklich ganz gut versorgt. In anderen Außenbezirken wie Favoriten, Simmering, Meidling – da ist die Dichte an Kulturprojekten wesentlich geringer, aber es gibt sie auch. Die Brotfabrik z.B.…

Eva: oder Schloss Neugebäude in Simmering.

Walter Rohn: Ja, oder das Kabelwerk in Meidling, das Werk X, und das DiverCITYLAB. Die sind schon wirklich weiter draußen.

Bild der Ankerbrotfabrik mit einem riesigen Grafitti

Ankerbrotfabrik in Favoriten

Eva: Ich frage mich, ob solche Projekte über das eigene Grätzl hinaus wirken müssen, damit sie erfolgreich sind. 

Walter Rohn: Es gibt da zwei Typen: einerseits eine ganz lokale Grätzlinitiative, die sich nur auf das umliegende Gebiet bezieht, und andererseits Projekte, die Besucher*innen aus ganz Wien anziehen. Manchmal hat man das Gefühl, hier kommen Leute aus der ganzen Stadt extra hin, aber die lokale Bevölkerung hält sich komplett raus. Da müsste man gezielt lokale Projekte veranstalten und auch die ansässigen Migrant*innen bzw. Personen mit Migrationshintergrund bewusster einbinden.

Eva: Ja, wie schaut es hier aus? Oft scheint es nur darum zu gehen, wie man die deutschsprachige, akademisch gebildete Mittelschicht an den Stadtrand zieht, aber was ist mit der lokalen Bevölkerung, mit Arbeiter*innen, mit Migrant*innen?

Walter Rohn: Das ist so ein Knackpunkt, ja, wo es, glaube ich, nicht immer so gut funktioniert. Von dem Jazzclub Davis in der Großfeldsiedlung habe ich mal gehört, wenn da fünf Menschen aus der Gegend dabei waren bei einer Veranstaltung, war das schon viel. Dafür sind Leute aus ganz Wien und auch aus Niederösterreich dort hingekommen, aber mit der lokalen Bevölkerung hat das nicht gut funktioniert.

Eva: Wie könnte das besser laufen?

Walter Rohn: Ich stelle mir eine Grätzlinitiative mehr so vor, dass man ein Lokal aufmacht – das ist ja schon schwierig genug, das Geld aufzutreiben und die behördlichen Auflagen zu erfüllen – und dass man sich dann bei der Bevölkerung vorstellt, also herumgeht und die Leute vor Ort anspricht. So hat es die Brunnenpassage am Yppenplatz gemacht, das ist sehr gut angekommen. Das sollte meiner Meinung nach verknüpft sein mit Kunst und Kultur, aber auch mit politischer Partizipation – dass man eine Anlaufstelle wird, um politische Probleme in dem Umfeld ansprechen zu können. So kann man die Menschen miteinbeziehen, aber auch ein Anker für sie werden. Das könnte funktionieren – wenn man denn einen langen Atem hat.

Eva: Im Standard war letztens ein Interview mit der Stadtsoziologin Mara Verlic, da war die Rede davon, dass man den Leuten mehr Entscheidungen zutrauen soll, was ihr Lebensumfeld angeht – also nicht nur die Farbe von Parkbänken, sondern größere Fragen, die im Alltag wirklich Relevanz haben.

Walter Rohn: Ja, da müsste man den Leuten von der Ebene der Bezirke her mehr Einflussmöglichkeiten geben, sodass sie das Gefühl kriegen, sie werden ernstgenommen. Die Bezirke in Wien haben doch relativ viele Kompetenzen und Aufgaben, da ließe sich schon was machen. Mehr Partizipation würde auch die lokale Demokratie stärken.

Eva: Eine Zeit lang hatte ich Kontakt zu Kulturschaffenden in Ottakring, wo ich enormes Engagement bis hin zur Selbstausbeutung beobachtet habe. Wie kann man solchen prekären Verhältnissen entgegenwirken?

Walter Rohn: Die Frage ist einfach beantwortet: Man muss mehr Geld in die Hand nehmen. Die Stadt Wien muss aber natürlich auf ihr Budget achten, sie muss eher sparen, als dass sie mehr Geld ausgeben kann. Und wie gesagt, der Großteil des Kulturbudgets wird innerhalb des Gürtels investiert. Der Schauspieler und Regisseur Hubsi Kramar meinte einmal, dass das höfische Verständnis von Kultur immer noch nachwirkt: Burgtheater, Rathausplatz, Karlsplatz – alles schön in der Nähe. Im Prinzip ist es, wie vieles heute, eine Verteilungsfrage: Wo geht welches Geld hin? Um in die sogenannte Peripherie vermehrt zu investieren, müsste man das Geld aus den Innenstadtbezirken abziehen, z.B. indem man die Musicalbühnen privatisiert wie in Deutschland. Um der Wiener Bevölkerung das Gefühl zu geben, dass man sie als Stadtverwaltung ernst nimmt, müsste man hier schon Akzente setzen. Die Bezirksvorsteher*innen kämpfen da ja eh immer, aber es ist auch eine Frage des Lobbyings. So wurde viel Geld in den Umbau der Mariahilfer Straße gesteckt, und jetzt ist als nächstes der Schwedenplatz dran. Gut, der Schwedenplatz schaut wirklich nicht gut aus, aber es wäre ein echtes Statement, den nur notdürftig zu adaptieren und das Geld – immerhin 20 Millionen Euro – stattdessen in die Peripherie zu investieren.

Eva: Wobei sich die Stadt schon auch um ihre Peripherie bemüht, wie die Vorzeigeprojekte Seestadt und Sonnwendviertel zeigen.

Walter Rohn: Ja, die Seestadt ist ganz gut aufgestellt, aber für ein Kulturzentrum oder so was hat die Stadt natürlich auch kein Geld. Temporäre Projekte wie das Kranballett ja, aber nichts Dauerhaftes. Es gibt aber auch Beispiele, wo Buchhandlungen und Kaffeehäuser diese Funktion einnehmen. Die Buchhandlung Seeseiten in der Seestadt z.B. macht ab und zu Veranstaltungen, das ist ja auch im eigenen Interesse, oder der Salon am Park im Nordbahnviertel. Daraus kann sich durchaus etwas entwickeln.

Eva: Ich denke gerade darüber nach, ob die Kultur in den Außenbezirken anders funktioniert, also mehr so Richtung Volkskultur. Es kommen hier ja auch jüngere, nicht so arrivierte Personen zum Zug, die (noch) nicht Teil des Kulturkanons sind bzw. kaum bekannt sind. Wird das dann als weniger wert wahrgenommen? Oder gibt es hier mehr Potential für Innovation, weil auch andere Stimmen gehört werden?

Walter Rohn: Innovation kann tatsächlich passieren, weil es hier mehr Möglichkeiten gibt, sich auszuprobieren; neue Kunstströmungen entstehen. Das kann lebendig, dynamisch sein. Was wichtig ist – hier stimmen alle Expert*innen überein -, ist, dass das Angebot niederschwellig sein muss. Man darf keine Barrieren aufbauen, sodass die Leute keine Hemmungen haben, da hinzugehen, auch wenn sie es sonst nicht so mit der Kultur haben. Gerald Pichowetz vom Gloria-Theater in Floridsdorf hat mal gesagt, er kann nur Boulevardtheater machen, Kabarett und so, was anderes geht hier nicht. So funktioniert es ganz gut – die Frage ist halt, ob das so sein muss.

Bunte Projektion an der Wand

Kreative Vorstadt: Liquid Light Workshop in Ottakring

Eva: Ich habe eine Zeit lang in Hernals gewohnt, da gibt es auch eine Kabarettszene. Angeblich gab es früher, um die Jahrhundertwende, als es in Wien sehr viele tschechischsprachige Zuwanderer*innen gab, ein dichtes Netz an kleinen Theaterbühnen, z.B. in Hinterzimmern in Gasthäusern. Ich habe mal gehört, dass das Metropol und die Kulisse aus dieser Tradition hervorgegangen sind.

Walter Rohn: Aha, da würde ich gerne mehr darüber wissen.

Eva: Ja, ich werde recherchieren. 

Walter Rohn: Ich war mal in dem Restaurant Das Chadim am Wienerberg und habe dort Fotos gesehen von Theateraufführungen von den tschechischen Zuwanderer*innen. Bei der Triester Straße hatten sie einen Fußballplatz; die heutige Generali Arena beim Verteilerkreis hieß früher České-srdce-Platz, ‚tschechisches Herz‘. Dann der Böhmische Prater natürlich als Erholungsraum – da gab es eine gut ausgebaute Infrastruktur. An diese Traditionen könnte man heute wieder anknüpfen.

Bei der Gelegenheit würde ich gerne auf eine andere Frage von dir zurückkommen – nämlich wie das ist mit der Kunst und Kultur von Zuwanderer*innen. Da gibt’s eine Reihe von guten Initiativen: das DiverCITYLAB, das Theater in einer postmigrantischen Gesellschaft neu entwirft, die Brunnenpassage am Yppenplatz natürlich, dann den Kulturraum Neruda in der Margaretenstraße, der sich lateinamerikanischen Künstler*innen widmet. Das Interkulttheater im 6. Bezirk hat vor ein paar Jahren wegen mangelnder Förderung leider zugesperrt. Dann gibt es noch in Favoriten immer wieder große Popkonzerte von türkischen und serbischen Sänger*innen – in der einen Halle, die früher eine Volleyballhalle war, das ehemalige Budocenter.

Bild der Brunnenpassage, davor ein Rad

Brunnenpassage in Ottakring

Eva: Die Brunnenpassage fällt u.a. dadurch auf, dass sie an den Außenwänden mehrsprachige Aufschriften hat: Kunst für alle – Um(j)etnost za vse – Herkes için sanat – Art for everyone. Auch die Homepage ist in mehreren Sprachen verfügbar. Inwieweit muss man die Mehrsprachigkeit der Bevölkerung mitdenken? Um möglichst niederschwellig zu sein, sollte eine Kulturinitiative vielleicht nicht nur auf Deutsch sein. 

Walter Rohn: Ja, na klar! In der Brunnenpassage machen sie das natürlich ganz bewusst. Es gab auch mal so ein Projekt namens Viertelkilometer, wo sie in einem Umkreis von 250 Metern rund um die Passage die Menschen in ihren Wohnungen besucht haben. Am Viktor-Adler-Markt gibt es jetzt ein ähnliches Projekt von der Caritas, den Stand 129.

Eva: Bei den vielen Leuten, die da immer in der Fußgänger*innenzone zwischen Reumannplatz und Hauptbahnhof sind, hätte das sicher Potential.

Walter Rohn: Ja, und noch dazu liegt der Markt fast direkt an der U1. Auch in Liesing gibt es etwas Neues, das F23, eine ehemalige Sargfabrik an der Breitenfurter Straße. Der denkmalgeschützte Teil soll erhalten bleiben und ein Kulturzentrum mittlerer Reichweite werden. Das zu adaptieren, kostet natürlich eine Menge Geld, aber das könnte schon toll werden – die haben riesige, schöne Hallen.

Eva: Es braucht aber insgesamt viel Förderung von den Zuständigen, und zwar nicht nur finanzielle, oder?

Walter Rohn: Naja, entweder viel Eigeninitiative, Selbstausbeutung, eigene Ressourcen oder eine gute Förderung. Die Stadt Wien macht das aber eher so: Wenn ein Projekt mal eine gewisse Größenordnung erreicht hat, wie SOHO in Ottakring, gibt es schon eine ganz gute Finanzierung, wobei die sich schon auch um andere Sponsoren kümmern müssen. Bei kleineren Projekten ist es halt oft wirklich nicht viel, auch die Bezirksmuseen sind unterdotiert. Das kann man alles nachlesen im Kunst- und Kulturbericht der Stadt Wien, da sind alle Förderungen penibel aufgelistet.

Eva: Wo siehst du Chancen?

Walter Rohn: Man muss nicht alles neu erfinden, die Stadt hat ja genügend Infrastruktur: Es gibt Jugendzentren, Heime für Pensionist*innen, die Büchereien Wien, die VHS, die Häuser der Begegnung… Manches davon hat vielleicht ein bisschen ein verstaubtes Image, aber das könnte man neu beleben und öffnen, das würde alles aufwerten. Was es noch gibt, ist das Theater in den Bezirken vom Volkstheater, die touren auch durch die Häuser der Begegnung. Das ist eine wichtige Sache, aber da könnte man noch wesentlich mehr draus machen.

Eva: Gibt es eigentlich ein Überangebot an Kultur in den Innenstadtbezirken?

Walter Rohn: Naja, eher schon. Wenn du durch den 7. Bezirk streunst, ist an jeder Ecke irgendwas.

Eva: Bei mir draußen in Hütteldorf ist hingegen kaum etwas.

Walter Rohn: Da gibt’s wenig. Mir fallen hier die Breitenseer Lichtspiele und die Sargfabrik ein, aber weiter draußen ist tatsächlich nicht mehr viel.

Eva: Ja, in den Lichtspielen gab’s vor kurzem ein Festival zur Erinnerung an H. C. Artmann. Das habe ich nur deswegen herausgefunden, weil ich an dem Tag ins Kinoprogramm geschaut habe – ansonsten hätte ich das gar nicht mitgekriegt. Selbst wenn man in der Nähe wohnt, kriegt man manches gar nicht mit.

Aber welchen Effekt haben solche Initiativen tatsächlich auf das Grätzl? Ottakring ist ja insofern ein gutes Beispiel, weil die vielen Kulturinitiativen das Image eines ganzen Viertels aufgewertet haben.

Walter Rohn: Der Yppenplatz ist mittlerweile ziemlich gentrifiziert, ja. Das führt aber auch zu Protesten: Vor Jahren hat mal jemand „BOBO“ auf ein Lokal gesprayt, auch die Aufschrift „Warum steigen die Mieten bloß SOHOch“ ist bekannt.

Bild eines Pickerls mit der Aufschrift: Support your local de-gentrification

Protest gegen die Gentrifizierung am Yppenplatz

Eva: Ich habe dort den Eindruck, dass in den Lokalen am Yppenplatz ein recht homogenes Publikum sitzt, man hört fast nur Deutsch – zumindest war das früher so, wie ich dort in der Gegend gewohnt habe. Die, die als Ausländer*innen gelten, obwohl sie teilweise schon in dritter Generation hier leben, ziehen sich in die Seitengassen zurück. Ein Austausch findet nicht statt, oder?

Walter Rohn: Nein, nie.

Eva: Ich glaube, da bräuchte es auch von oben mehr Initiative, um das zu fördern.

Walter Rohn: Fördern ja – verordnen kann man es halt nicht. SOHO hat es eh richtig gemacht – die sind z.B. in den Sandleitenhof, den größten Gemeindebau aus der Zeit des Roten Wiens der Zwischenkriegszeit, gegangen, das war ein notwendiger Schritt. Auch im Park nebenan, im Kongresspark, gab’s Veranstaltungen, da war sehr viel los. Früher hatten die Gemeindebauten ja eine wirklich sehr gute Infrastruktur – Kindergärten, Büchereien, Kinos, Wäschereien, das hat sich teilweise erhalten.

Eva: Ja, eine Stadt in der Stadt. – Kannst du noch ein bisschen mehr über Kulturprojekte in Floridsdorf erzählen?

Walter Rohn: Ich kann mich noch erinnern, im Floridsdorf der 1970er Jahre gab’s vier Bezirkskinos, die wir alle frequentiert haben. Später hat eines nach dem anderen zugesperrt – die sind heute Eissalons oder Supermärkte. Nur eines davon, das Gloriakino, wurde dann zum Gloria-Theater. Mit dem Aussterben der Bezirkskinos in den späten 1970ern und in den 1980ern ist außer der Infrastruktur, die die Stadt Wien zu bieten hat, nicht viel übrig geblieben, außer ein paar Einrichtungen mit Eigeninitiative. Zu nennen ist hier z.B. der Kulturverein Transdanubien, die machen etwa Lesungen in den Gasthäusern an der Alten Donau oder in ihrem Lokal. Ein paar Jahre lang gab es ein Festival für bildende Kunst im ehemaligen Heizhaus Stammersdorf an der Brünner Straße. Sehr engagiert ist außerdem der Kulturverein der SPÖ, Forum 21, der im ganzen Bezirk aktiv ist.

Eva: Wie sieht es denn in Döbling aus?

Walter Rohn: Der Bezirksvorsteher Adolf Tiller, der übrigens der längstdienende Bezirksvorsteher Wiens ist, hat die Devise: „Wir machen Kunst in Döbling – von, mit und für die Döblinger*innen. Gäste sind jederzeit herzlich willkommen.“ Da gibt’s z.B. einen Kulturverein von der SPÖ, der macht auch aufsuchende Kulturarbeit. Ich finde auch gut, dass sie zu Heurigen gehen, die einen hohen Anteil an Eigenproduktion haben, womit sie gleichzeitig den Wiener Weinbau indirekt unterstützen. In Döbling findet auch viel in Schulen statt, teilweise auch im Amtshaus, wo hauptsächlich lokales Publikum hinkommt. Es hat mich jedenfalls erstaunt, wie viel da los ist – das Klischee ist ja, dass in dem Nobelbezirk ohnehin jede*r ein Abo vom Burgtheater und der Staatsoper hat, aber es war toll zu sehen, welche Fülle an Programm hier geboten wird.

Eva: Ist eigentlich bekannt, wie hoch der Prozentsatz in der Bevölkerung ist, der solche Angebote tatsächlich annimmt?

Walter Rohn: Im Berliner Kulturbericht habe ich gelesen, dass etwa 10% der Bevölkerung regelmäßig das Kulturangebot nützen, das dürfte in etwa auch für Wien gelten. Das wäre eine gute Zahl, ja.

Eva: Teilweise ist der Altersdurchschnitt aber schon recht hoch.

Walter Rohn: Ja, im Burgtheater, aber in den kleineren Theatern im 7. Bezirk ist das Publikum schon jünger. Voriges Jahr im Herbst war ich beim Neubauer Kulturherbst dabei, da waren ganz spannende Sachen dabei, das war gut. Im 7. läuft man aber natürlich offene Türen ein.

Eva: Könnte man eigentlich sagen, wo viel Kultur ist, entsteht noch mehr?

Walter Rohn: Ja, schon. Aber es gibt auch andere Beispiele. Im 17. Bezirk wurde z.B. der Dornerplatz wiederentdeckt, dort findet das VOLXkino im Sommer statt und unter dem Namen space and place gibt es dort so Installationen, z.B. mit 240 Regenschirmen, die über dem Platz hängen. Das VOLXkino hat auch schon im Sandleitenhof Vorführungen gemacht. Der Leiter, Berndt Anwander, hat im Interview gesagt, dass das zwei Aspekte hat: Einerseits gehen die Menschen vor Ort hin, haben das Kino unmittelbar vor ihrem Haus, andererseits zeigt man aber auch dem Innenstadtpublikum eine andere Seite von Wien.

Eva: Oh, Stadtentdeckung also!

Walter Rohn: Ja, ich war vorher auch nie im Sandleitenhof, muss ich sagen.

Bild eines riesigen Graffiti: Frau mit Spraydose

Was gibt’s denn da zu sehen?

Eva: Wie könnte denn ein Best Practice Modell für Wien ausschauen?

Walter Rohn: Die kritische Frage ist eigentlich immer die nach dem Geld. Prinzipiell aber gilt, wo Energie ist, wird was passieren, ob mit oder ohne Finanzierung. Ein guter und richtiger Ansatz wäre es, die lokalen Initiativen bekannter zu machen, sie besser zu vernetzen. Eine Art von Förderung, die nichts kostet, wäre ja schon, diesen Projekten mehr Aufmerksamkeit zu widmen, über den Presseinformationsdienst der Stadt Wien z.B. oder in ihrem Veranstaltungskalender. Ich glaube, viele Menschen kriegen gar nicht so richtig mit, was ein paar hundert Meter von ihrer Wohnung entfernt passiert. Indem man es stärker bewirbt – auf den Homepages der Stadt und der Bezirke, in den Bezirkszeitungen, im Falter, in sozialen Netzwerken -, kommen mehr Menschen hin. Aber wenn man möchte, dass in den Außenbezirken mehr passiert, wird man um eine entsprechende Finanzierung nicht herumkommen. Was auch möglich wäre und so gut wie keine Mehrkosten verursachen würde, wäre, bekannte Veranstaltungen in den Innenstadtbezirken mal nach draußen zu verlagern, z.B. die Lesungen bei dem o-töne Festival im Museumsquartier oder das Popfest am Karlsplatz.

Eva: Das wäre wirklich spannend: Wir Bewohner*innen des Stadtrandes sind es ja gewöhnt, für Theater, Museum, Lesung, ja sogar fürs Kino relativ lange Wege in die Stadt in Kauf zu nehmen. Es könnte ruhig mal umgekehrt sein, das wäre vielleicht auch ein guter Denkanstoß.

Walter Rohn: Ja, das hätte sicherlich positive Effekte. Es ist aber auch am Stadtrand so, dass Projekte kommen und gehen. Wenn etwas nach fünf Jahren noch immer nicht wirklich erfolgreich ist oder man als Verantwortliche*r keine Zeit mehr hat, lässt man es halt wieder bleiben. Es ist schon so ein natürliches Auf und Ab. Am Yppenplatz gibt’s ein Lokal, wo ich inzwischen vier oder fünf verschiedene Projekte drinnen gesehen habe: mal als Geschäft, dann wieder als Galerie.

Aber insgesamt ist es schon so, wenn ich Wähler*innen gewinnen oder zumindest nicht verlieren will, muss ich ihnen das Gefühl geben, dass sie mir etwas wert sind, dass etwas bei ihnen vor Ort passiert. Es ist oft eine Frage der Wahrnehmung: Die wenigsten Stadträte kommen aus einem Außenbezirk und entsprechend ist da auch kaum ein Bewusstsein vorhanden. Wenn man im 7. Bezirk lebt und nicht so oft anderswohin kommt, ist doch alles wunderbar. Es gibt kaum Konflikte, dafür ein Lokal nach dem anderen, es gibt Theater und Kinos, Musik- und Kabarettbühnen – es ist eigentlich wie Disneyland. Die Vorstadt wartet derweil noch drauf, entdeckt zu werden…


Das Gespräch fand am 22. Juli 2016 im Café Engländer statt und ist hier leicht gekürzt und überarbeitet wiedergegeben. Herzlichen Dank an Walter für die Zeit und die Offenheit!

Das Foto von Walter Rohn stammt von hier.


Literaturempfehlung:

Rohn Walter (2013): Die neue Kultur am Rand der Städte – Wien und Paris. Wien: praesens Verlag


Pickerl mit der Aufschrift "für leiwand, gegen oarsch"

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1 Kommentar

Walter Rohn 8. November 2016 at 14:08

Vielen Dank für das schöne Interview, liebe Eva!

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