Kritische Überlegungen zur Psychotherapie-Ausbildung

von Stadtstreunerin | Eva

Der November 2020 bleibt nachhaltig in Erinnerung: zuerst der Terroranschlag in der Wiener Innenstadt, dann ein coronabedingter Lockdown, der das öffentliche Leben über Monate hinweg lahmlegen sollte. In meinem persönlichen Leben ist etwas weit weniger Spektakuläres vorgefallen, das meinen Werdegang aber bis heute prägt: Ich habe mit der Psychotherapie-Ausbildung begonnen und mein erstes Seminar besucht – selbstverständlich online über Zoom. (Passend zum damaligen Geschehen lautete der Titel „Trauma und Psychotherapie“.) Fünf Jahre ist das alles nun her, und ich nehme diese (kurze? lange?) Zeitspanne zum Anlass, um über die Ausbildung nachzudenken. 

Als gedanklichen Rahmen für meine Überlegungen habe ich mir eine machtkritische Perspektive überlegt, denn obwohl weithin bekannt ist, dass die psychotherapeutische Ausbildung teuer ist, wird selten näher darauf eingegangen, was das konkret bedeutet. Über Geld (und Zeit und Macht und Einfluss) spricht man nicht – sagt wer nochmal? 

Wie die Ausbildung in Österreich grundsätzlich organisiert ist und welche Erfahrungen ich bisher damit gemacht habe, habe ich hier aufgeschrieben. 

Geld und Zeit

Während der erste, allgemein gehaltene Teil der Ausbildung, das sogenannte Propädeutikum, mit ein paar tausend Euro noch vergleichsweise günstig ist, schlägt das Fachspezifikum ordentlich zu Buche. Die Kosten weichen dabei je nach Fachrichtung erheblich ab, da die jeweiligen Lehrpläne unterschiedlich viele (günstigere) Gruppenseminare und (teurere) Einzelstunden vorsehen. Die Gesamtkosten werden üblicherweise mit rund 50.000 Euro angegeben, bei manchen weniger, bei manchen viel mehr. Sicher, wer eines Tages als Psychotherapeut:in zugelassen wird, kann pro Stunde 100 Euro oder mehr verlangen. Ob sich die Kosten der Ausbildung aber wirklich innerhalb von ein paar Jahren amortisieren, darüber lässt sich streiten. (Zumal der Stundensatz auch für bürokratische Kosten und natürlich den Lebensunterhalt aufkommen muss.)

Denn wer sich auf die Ausbildung einlässt, braucht auch Zeit – viel Zeit. Neben all den Stunden, die für Seminare, Supervisionen, Lehrtherapie und Praktika draufgehen, noch Vollzeit zu arbeiten, ist zwar grundsätzlich möglich, erfordert aber viel Energie und Motivation. Stipendien gibt es keine, die finanzielle Unterstützung von öffentlicher Seite ist, falls überhaupt vorhanden, minimal. Mit einem Teilzeit-Gehalt (noch dazu im chronisch unterfinanzierten Sozialbereich, in dem viele meiner Kolleg:innen arbeiten) sind die Kosten praktisch nicht bezahlbar, es sei denn, man kann auf andere Ressourcen zurückgreifen. So wie die meisten Ausbildungskandidat:innen bin auch ich in der glücklichen Lage, angespartes, geerbtes oder geliehenes Vermögen zur Verfügung zu haben. 

Macht und Einfluss

Natürlich lässt sich an dieser Stelle argumentieren: Andere bauen sich um das Geld ein Haus oder machen eine Weltreise. Und wenn man sich schon für eine aufwendige, jahrelange Ausbildung entscheidet, kann man doch gleich auch ein weiteres Opfer bringen und das Sparkonto leeren… Trotzdem ist es Fakt, dass die hohen Kosten darüber entscheiden, wer die Ausbildung macht – und wer nicht.

Es ist eine gesellschaftliche Schieflage, dass es fast nur Personen aus mittleren und höheren sozialen Schichten möglich ist, die Ausbildung zu absolvieren. Menschen mit psychischen Erkrankungen sind aber in allen Gesellschaftsschichten vertreten; nicht wenige leben an der Armutsgrenze oder darunter und haben schon alleine deswegen gänzlich andere Lebensrealitäten als wir Ausbildungskandidat:innen. Ich bin sozusagen, ob ich will oder nicht, Teil eines Problems. So bin ich jedes Mal skeptisch, wenn ich in Ausbildungskontexten wieder mit meinesgleichen zusammengespannt bin: helle Hautfarbe, deutsche Muttersprache, österreichischer (oder deutscher) Pass, und das Geld für die Ausbildung? Das ist wundersamerweise jedes Mal vorhanden. So ein Zufall aber auch!

Wie es Personen in diesem Setting geht, die nicht so privilegiert sind und es trotzdem geschafft haben, die Ausbildung zu beginnen – darüber habe ich wenig Vorstellungen. Mir fehlen schlicht die Erzählungen darüber, und das ist nicht nur für mich persönlich bedauerlich, sondern Ausdruck eines strukturellen Problems. Die gesamtgesellschaftlichen Implikationen werden in der Ausbildung allgemein wenig mitgedacht. Es geht doch um Individuen, oder nicht? (Nicht zufällig habe ich eingangs die Stimmungslage im November 2020 geschildert: Was wir machen, was uns passiert, ist immer in einen größeren Kontext eingebettet.)

Ein anderer Aspekt in diesem Zusammenhang ist, dass die Ausbildung (auch) durch all das Geld, das sie verschlingt, regelrecht in den Himmel gehoben wird. Die teuerste Ausbildung mit den größten Hürden muss schließlich die beste sein; wir Ausbildungskandidat:innen klopfen einander auf die Schultern. Manchmal erscheint mir der Ausbildungskontext wie eine Blase, in der Psychotherapie zum wichtigsten (Heil-)Mittel überhaupt stilisiert wird. Die Psychotherapie umgibt mitunter ein Nimbus, den man besser nicht infrage stellt. 

Ist hier der Kontakt zum Boden der psychosozialen Realität noch vorhanden? Welche Erfahrungen ich bisher gemacht habe, sollen ein paar Beispiele aus meiner Arbeit illustrieren. 

Welten zwischen uns

Als ich begonnen habe, in einem Tageszentrum für Menschen mit psychischen Erkrankungen zu arbeiten, hat mich eine Klientin auf meine Kleidung gedeutet und mich spöttisch als „feine Dame“ bezeichnet. Damals, als ich noch mehr von Lehrbüchern sozialisiert war als vom echten Leben, hat mich das unvorbereitet getroffen und ich habe viel darüber nachgedacht. (Im Gymnasium war ich noch diejenige, auf die herabgesehen wurde, weil ich nicht „fein“ genug war.)

Ich habe schließlich notiert:

Wer in einer engen, kalten, unzureichend eingerichteten Wohnung wohnt, sich die kleinen Freuden des Lebens nicht leisten kann und seit Jahren von einem Urlaub am Meer nur träumt, dem geht es oft auch psychisch schlechter als finanziell Bessergestellten. Zusätzlich verursachen Psychotherapie und medizinische Behandlungen Kosten, die nicht immer von der Krankenkasse übernommen werden. Und als ob das noch nicht genug wäre, stellen auch Bürokratie und Verwaltung Hindernisse auf, die (wenn überhaupt) nur mit großer Kraftanstrengung überwunden werden. Es fehlt oft schlicht und ergreifend Geld, um würdige Lebensgrundlagen zu schaffen. 

Die Menschen, die ich seitdem in meiner Arbeit kennenlernen durfte, leben teils in einer Armut, die man sich in den wohlig warmen Seminarräumen gar nicht vorstellen kann. (Nicht ganz zufällig: Schließlich ist schon lange bekannt, dass Armut krank macht.) Besonders groß war der Kontrast, als ich in der Wohnungslosenhilfe tätig war. Unsere Zielgruppe, von Obdachlosigkeit bedrohte Männer*, hatte vor allem einen Wunsch: zu überleben. Die Auswirkungen der psychischen Erkrankungen, mit denen praktisch jede:r unserer Klient:innen zu kämpfen hatte (meist Suchterkrankungen, Depression, Schizophrenie), wurden von unserem Team an Betreuer:innen wie nebenbei gemanagt. Psychotherapeutische Gespräche waren hier nicht möglich, die Nachfrage hielt sich allerdings auch in Grenzen. 

Stattdessen habe ich in der Wohnungslosenhilfe den Ansatz der Peers (im psychiatrischen Kontext Ex-In genannt) kennengelernt: (Ehemals) Betroffene werden in einem Lehrgang dazu ausgebildet, andere Betroffene zu unterstützen, während sie in einem regulären Team mitarbeiten. Mittlerweile habe ich bereits drei Kolleg:innen kennengelernt, die als Betroffene ihr Erfahrungswissen einbringen. Und ehrlich gesagt: Das fühlt sich nach einem wirklichen Privileg an. 

„Mensch sein“

In meiner jetzigen Arbeit, die erneut die Betreuung von Menschen mit psychischen Erkrankungen umfasst, bin ich mit interessanten Fragen konfrontiert. Da ich die Ausbildung noch nicht abgeschlossen habe, darf ich nicht als Psychotherapeutin arbeiten. Dennoch fließt in meine Arbeit ganz selbstverständlich das ein, was ich mir bisher von der Ausbildung mitnehmen konnte (tatsächlich auch das, was ich gerade ausführlich kritisiert habe) – auch, weil vieles in meiner Haltung begründet ist.

Wo aber ist die Grenze zwischen meiner jetzigen Begleitung als Betreuerin und meiner künftigen Begleitung als Therapeutin? Gibt es eine solche Grenze überhaupt? Ist Psychotherapie wirklich so viel „besser“, wie es die lange Ausbildung und die hohen Kosten suggerieren? Die Wirksamkeit von Psychotherapie ist in vielen Fällen unbestritten, und ich möchte sie selbstverständlich nicht missen. Aber es gibt so viele Mittel und Wege, um Menschen zu unterstützen – Psychotherapie ist eine Möglichkeit, und nur eine. 

Unlängst habe ich mit einer Kollegin ausführlich über diese Themen geplaudert. Eine ihrer Aussagen möchte ich gerne ans Ende dieser Überlegungen stellen, da sie das ganze komplizierte Gefüge rund um die Psychotherapie gewissermaßen auf den Punkt bringt:

Am meisten hat mir immer geholfen, wenn mir jemand als Mensch begegnet ist.


Welche Erfahrungen hast du, liebe Leserin, lieber Leser, mit Psychotherapie und/oder der Ausbildung gemacht? Möchtest du etwas dazu sagen oder meine Ausführungen ergänzen? Schreibe mir einfach an eva [at] stadtstreunen.at oder hinterlasse einen Kommentar unter diesem Artikel!


Weiterlesen 

Informationen zur Peer-Ausbildung: https://www.neunerhaus.at/ueber-neunerhaus/unsere-arbeit/peercampus/ 

Ex-In: https://www.ex-in.at/

Weiterlesen

2 Kommentare

K. 12. Januar 2026 - 20:21

Kenne Psychotherapeuten die ausschließlich nur solvente Privatpatienten behandeln wollen. Um wirklich psychisch Kranke ohne finanzielle Mittel machen die einen großen Bogen, da finanziell bei denen nichts zu holen ist.

Ein Teurfelskreis: schwer psyhisch erkrankt, kein Job und kein Geld und somit auch kein Psyhotherapeut, da solche Patienten das geforderte Honorar nicht bezahlen können.

Reply
Stadtstreunerin | Eva 13. Januar 2026 - 18:38

Das ist wirklich eine beunruhigende Entwicklung!
Immerhin habe ich in der Ausbildung mal von einem Therapeuten gehört, der einen kostenfreien Platz anbietet. Die anderen Patient:innen finanzieren sozusagen einen zusätzlichen Platz für jemanden, der/die sich das sonst nicht leisten könnte. Vorbildlich 🙂

Reply

Schreibe einen Kommentar