Zirbitzkogel & Judenburg

von Stadtstreunerin | Eva

Es gibt Orte, die ganz den Einheimischen gehören. Keine selbsternannten Influencer, keine Reisebus-Lawinen, stattdessen Ruhe und Erholung wie anno dazumal – herrlich! Einer dieser Orte ist der Zirbitzkogel in der Steiermark. Der 2.396 Meter hohe Berg ist frei von allen touristischen Verwerfungen der modernen Zeit und bietet so eine wunderbare Kulisse für ein entspanntes Wochenende. Wer nach dem anstrengenden Aufstieg noch Kraft für ein bisschen Stadtstreunen hat, kann sich anschließend zurück ins Tal begeben und mit Judenburg eine kleine, feine Stadt entdecken. 

Zirbitzkogel: Roter Gipfel im Zirbenland 

Helmut und ich quartieren uns in der am Fuße des Zirbitzkogels gelegenen Sabathyhütte ein, ein gediegenes Basislager für die Erklimmung des Bergs. Zum Glück weiß ich nicht, dass der Anstieg von der Sabathyhütte aus durch ein sehr steiles Kar führt! Nachdem wir den kleinen Lindersee passiert haben, geht es fast wie auf einer Leiter bergauf. Das von der Weite sichtbare Schutzhaus am Zirbitzkogel will und will nicht näher kommen. Aber, wie uns andere Wanderer – vier Brüder, die jedes Jahr gemeinsam eine Bergtour machen – erklären: „Der Weg ist das Ziel.“ Na ja, so ganz stimmt dieser Satz zumindest in den Bergen nicht. Denn als wir endlich am Gipfel stehen und in die Weite blicken können, stellt sich ja doch heraus, dass das Ziel das Ziel ist! 

An diesem dunstigen, leicht bewölkten Tag Anfang Juni können wir die slowenischen Alpen und die österreichischen Gletscher nur erahnen. Gut zu erkennen ist aber die Koralm und der Ursprung der Lavant, ein Nebenfluss der Drau, nach dem sich die Lyrikerin Christine Lavant (1915-1973) benannt hat. Für poetische Anwandlungen haben wir leider nicht allzu viel Zeit, denn nach einem kurzen Aufenthalt in der Hütte geht es wieder hinunter. Unsere Wanderung führt vom Vorfrühling am Gipfel – mitsamt den letzten Schneeflecken – in den beginnenden Sommer bei der Sabathyhütte. Wieder steigen wir durch ein einsames Kar, diesmal immerhin in Gesellschaft einer Gämse und eines Murmeltiers. Der Weg führt am Großen, dann am Kleinen Winterleitensee vorbei und ist so schön, dass ich spontan Mitleid bekomme mit all den Menschen, die bei den Touri-Hotspots hängenbleiben und dieses Naturwunder nie zu Gesicht bekommen werden. Beim Abendessen in der Sabathyhütte philosophieren wir darüber, welche Orte uns mangels Wissens oder Marketings verwehrt bleiben, wenn wir im Ausland unterwegs sind. Wo könnte der tschechische oder französische Zirbitzkogel sein?

Am nächsten Tag schüttet es in Strömen. Als es am Nachmittag aufklart, wandern wir zur Rothaidenhütte und erfahren dort ein sprachliches Detail: Der Name Zirbitzkogel leitet sich nicht von den zahlreichen Zirben ab, sondern vom kroatischen Wort Črvenica – „rote Gegend“. Das bezieht sich auf die überall blühende Alpenrose, hierzulande besser bekannt als Almrausch. Faszinierend: Die Rothaidenhütte – die Hütte auf der roten Haide – hat also denselben Namen wie der Zirbitzkogel! Die Wirtin serviert uns wärmende Suppe und erzählt dabei vom Leben in der bescheidenen Almhütte auf 1836 Metern Seehöhe: „Unten im Tal drücke ich in der Früh einen Knopf auf der Kaffeemaschine für frischen Kaffee. Hier heroben muss ich erst mal Feuer machen.“ 

Stadt mit Geschichte: Judenburg 

Als wir am nächsten Tag mit dem Bus zurück nach Judenburg fahren, wird schnell klar: Großstadt ist das hier keine! Im Eissalon winkt gleich uns eine Frau zu, mit der wir am Weg zum Zirbitzkogel geplaudert haben. Der Busfahrer dreht eine Extrarunde für uns, weil Helmut sein Geldbörserl im Bus vergessen hat, und im Stadtmuseum werden wir freudig begrüßt: „Seid’s ihr aus der Gegend? Nicht? Was verschlägt euch denn nach Judenburg?“ Wir schauen uns das liebevoll eingerichtete Museum an und vertiefen uns in eine beeindruckende Aufarbeitung des Zweiten Weltkriegs und der Nachkriegszeit. Ich befinde: Dieses Museum alleine ist es schon wert, sich nach Judenburg verschlagen zu lassen. 

Der Name Judenburg geht auf jüdische Händler zurück, die bereits vor rund 1.000 Jahren die Lage der Siedlung – das Stadtrecht erhielt Judenburg dann im Jahr 1224 –  zwischen Wien und Venedig auszunutzen wussten. (Im Zweiten Weltkrieg hätte sie in „Zirbenstadt“ umbenannt werden sollen – diese antisemitische Idee hätte den schönen Zirbenbäumen nicht gut gestanden, wurde aber nie umgesetzt.) Heute liegt die Stadt mit ihren knapp 10.000 Einwohner:innen am Rande des Aichfelds, eines dicht besiedelten Beckens, das noch mit zwei weiteren Städten aufwarten kann: Zeltweg und Knittelfeld. Ganz bestimmt auch Orte, die ohne jedes Instagram-Spektakel erkundet werden können. Hier, im Zirbitzkogel-Land, gibt es also noch einiges mehr zu entdecken! 

Bis bald, Judenburg!


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Judenburg gehört zu den Kleinen Historischen Städten, einem Verbund von 16 Städten in Österreich: https://www.khs.info/
Dazu zählen auch Baden, Bad Ischl, Gmunden und Steyr. 

Tipps & Tricks 

Unterkunft: Die sympathische Sabathyhütte lässt sich während der Wandersaison samstags, sonntags und feiertags mit dem Bus 873 vom Bahnhof Judenburg erreichen. Von der Endstation bei der Schmelzhütte sind noch etwa drei Kilometer durch den Wald zurückzulegen. Tipp: Beim Wandern nicht so übertreiben wie wir, dann bleibt abends noch ausreichend Energie für die Sauna im Keller übrig!

Im Zirbitzkogel-Schutzhaus gibt es 20 Schlafplätze in Mehrbettlagern – etwas weniger komfortabel, aber sicher fantastisch schön. 

Kultur: Das Stadtmuseum Judenburg ist, wie bereits erwähnt, eine kleine Reise wert. Im Museum Murtal ganz in der Nähe kann man anhand einer Kopie des berühmten Strettweger Kultwagens, der in Judenburg ausgegraben wurde, in die Zeit vor 3.000 Jahren eintauchen. Beim nächsten Mal dann!

Sonstiges: Zwischen Judenburg und dem Zirbitzkogel befindet sich der militärische Truppenübungsplatz Seetaler Alpe. Wenn Übungen stattfinden, werden manche Wanderwege gesperrt – hier gibt es Informationen dazu.

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