Geschichte

Die „Stadt des Kindes“: vom Unwohlsein am Kraftort

gepostet von Stadtstreunerin 12. Mai 2018

Eine kurze Pause in der „Stadt des Kindes“: Das war in meiner Kindheit ein festes Ritual bei Radtouren hinaus aus der Stadt. Die Siedlung lag genau zwischen meinem Zuhause und klassischen Zielen wie dem Wildschweinpark oder dem Eissalon in Purkersdorf. Ich kann mich noch gut erinnern, wie wir auf den Stufen unter den Kastanienbäumen saßen und mitleidig die vielen Kinder am Spielplatz beobachteten. Denn die „Stadt des Kindes“ galt als Waisenheim, als Auffangbecken für die ärmsten Kinder der Stadt, die sonst niemanden mehr hatten. Ich fühlte mich immer ein bisschen unwohl dort und freute mich, wenn es weiter zu den Wildschweinen ging.

Auf den Stufen unter den Kastanienbäumen, 2018

Die ideale Stadt

Das war vor über 20 Jahren. Später, als Jugendliche und auch als Erwachsene, fuhr ich noch oft an der „Stadt des Kindes“ vorbei, vermied es aber, auch nur einen Fuß auf das Gelände zu setzen. Eines Tages bemerkte ich, dass dort neue Wohnungen entstanden waren. Wer würde dort wohnen wollen, fragte ich mich immer…

Neues Wohnen

Vor Kurzem konnte ich an einer Führung des Architekturzentrums Wien durch das teilnehmen, was nach der Schließung des Kinderheimes im Jahr 2002 aus der „Stadt des Kindes“ geworden ist: eine große Wohnsiedlung mit unterschiedlich strukturierten Bauten. Bei dem Rundgang wurde mir schnell klar: Die „Stadt des Kindes“ war wahrscheinlich nie so düster und deprimierend, wie ich sie als Kind wahrgenommen hatte!

Graue Fassade, bunt gemacht

Tatsächlich wurde sie als Vorzeigeprojekt gehandelt, als gelungenes architektonisches Ensemble mit sozialem Anspruch. 1968 rief die Stadt Wien einen Wettbewerb ins Leben, den der Architekt Anton Schweighofer für sich gewinnen konnte. Er wollte den benachteiligten Kindern, die hier künftig leben sollten, eine ideale Stadt bauen.

Bis 1974 entstand die Siedlung, die den aktuellsten reformpädagogischen Ansätzen entsprach: mit Streichelzoo, Theatersaal und Turnhalle, mit Schwimmbad und großen Grünflächen – eine Infrastruktur, die nicht nur für die Kinder aus dem Heim gedacht war. Anfangs war sogar eine Art Fußgängerzone durch die Siedlung geplant, mit Geschäften für den täglichen Bedarf. Denn die 300 Wiener Kinder, die hier untergebracht werden würden, sollten viel Freiraum haben – aber auch urbane Elemente, um sich nicht fremd zu fühlen.

Schwimmbad und Turnhalle (links)

Bei der Führung des Architekturzentrums war auch eine ehemalige Erzieherin dabei, die von 1975 bis 1991 hier gearbeitet hatte. Sie bestätigte die Intentionen des Architekten: „Die Kinder waren glücklich hier, das haben sie mir auch später als Erwachsene gesagt.“

Abriss und Wiederauferstehung

Die Idylle inmitten der Wienerwaldhügel hielt allerdings nur ein paar Jahrzehnte: 2002 beschloss die Stadt, alle Großheime zu schließen. Zuletzt hatte es auch in der „Stadt des Kindes“ Drogenprobleme und sexuelle Übergriffe gegeben. Das war aber nicht der Grund für die Schließung: Vielmehr wollte die Stadt die Versorgung und den Schutz von Kindern aus schwierigen Verhältnissen dezentral organisieren. Heute sind Pflegefamilien und Kriseninterventionszentren über die ganze Stadt verstreut.

Stiegenhaus

Nachdem die Kinder aus ihrer Stadt ausgezogen waren, wurde die Siedlung sich selbst überlassen. Einige Jahre lang lagen die Bauten mit ihren knallroten Akzenten brach und verwilderten. Dann, im Jahr 2008, wurde ein Teil der Siedlung demoliert. Aus dem Rest machte Architekt Peter Weber das, was die „Stadt des Kindes“ heute ist – eine moderne Wohnsiedlung mit ein bisschen mehr Geschichte, als solche Siedlungen üblicherweise haben.

Ausblick mit Geschichte

Silhouette statt Substanz

Peter Weber, der bei der Führung durch das Gelände dabei war, sparte nicht mit Kritik: Denn die Stadt Wien hatte das Areal an zwei Bauträger verkauft und sich nie wieder darum gekümmert. Für einen Denkmalschutz war die Anlage nicht vorgesehen – dadurch ist leider viel von der originalen Architektur verloren gegangen.

Aber immerhin: Die Silhouette der „Stadt des Kindes“ ist im Großen und Ganzen erhalten geblieben. Und ein paar Details sind immer noch genau so wie damals in den 1970er-Jahren: die Beleuchtung des Schwimmbads etwa, die roten Plastikwendeltreppen oder der Tunnelspielplatz hinter den ehemaligen Familienhäusern.

Licht für das Schwimmbad

Knallrote Spirale

Heimelig statt unheimlich

Durch die Führung konnten wir uns insgesamt drei Wohnungen anschauen, die alle sehr unterschiedlich waren: Unterhalb der auffälligen schrägen Fenster lebt es sich beengt, aber durchaus gemütlich – vor allem wohl, wenn es regnet! Von der Dachterrasse im vierten Stock konnten wir weit über die Wienerwaldhügel schauen. Und im hintersten Teil des Areals besuchten wir eine Familie, die in einer eher dunklen, aber bunt eingerichteten Maisonette mit großem Garten wohnt. Die Dachwohnung hat angeblich eine halbe Million Euro gekostet. 

Rückzugsort

Unter der Schräge

Terrasse mit rotem Pavillon

Fake-Spechte als Nachbarn

Andere haben’s auch gemütlich

Wohnungsdetail

Von der Stadt des Kindes zur Kinderstadt

Die Siedlung verströmte an diesem warmen Freitagnachmittag eine angenehme Ruhe. Nur die Kinder durchbrachen, so wie es sich gehört, die Stille über der „Stadt des Kindes“. Junge Eltern zeigten ihren Kleinkindern die Rutsche und die Sandkiste vor dem Haus, zwei Mädchen liefen am Tunnelspielplatz einem pinken Luftballon hinterher und vom Fußballplatz waren laute Schreie zu hören. Und ein Bub fuhr mit seinem Rad durch das, was einmal die Fußgängerzone hätte werden sollen.

Freiraum mit Tunneln

Familienheim

Alpträume voller Kraft

Nach der Führung setzte ich mich auf die Treppen unterhalb der Kastanienbäume und hing meinen Kindheitserinnerungen nach. Es war schon seltsam: Ich hatte auf einmal das Gefühl, dass der Ort eine eigentümliche Kraft verströmt, ganz im Gegensatz zu meiner kindlichen Wahrnehmung.

Zuhause erzählte ich meiner besten Freundin, die oft meine Gefährtin bei den Radtouren nach Purkersdorf gewesen war, begeistert von meinem versöhnlichen Ausflug in die Kindheit und zeigte ihr die Fotos. „Oh, da habe ich als Kind oft gespielt!“, sagte sie zum Tunnelspielplatz. Aber dann, als sie die schrägen Fenster der ehemaligen Familienhäuser sah, erschrak sie: „Diese Häuser kenne ich aus meinen Alpträumen… davon träume ich so oft.“ Und Gänsehaut lief uns über den Rücken.

Mach’s gut, Stadt des Kindes!

Bis bald!


Zum Weiterschauen:

Die 78er zeigen bedrückende Fotos von der „Stadt des Kindes“ kurz vor ihrem Wiederaufbau. 

Die Band Gin Ga hat zum Song „Fashion“ ein Video in der desolaten „Stadt des Kindes“ gedreht:

Ausstellungstipp:

Im Architekturzentrum Wien läuft derzeit die sehenswerte Ausstellung „Die Stadt des Kindes: Vom Scheitern einer Utopie“ (noch bis 28. Mai 2018).

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1 Kommentar

Anita 17. Oktober 2018 at 22:11

Also ich war ein „Heimjolly“ in der Stadt des Kindes in den 90er und ich würde dort sofort eine Wohnung beziehen da ich nur positive Erinnerung an die Tage als Heimjolly hab

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