Streunen

Bainvgnü en Val Müstair! Geschichten aus Graubünden

gepostet von Stadtstreunerin 31. Januar 2019

Letzten Herbst habe ich eine Woche im Val Müstair verbracht, einem lieblichen Tal zwischen den sieben Bergen, im letzten Winkel der Schweiz und doch mitten in Europa. Vom Pass dal Fuorn windet sich die Straße ins Tal hinunter, der Postbus passiert die Dörfer Tschierv, Fuldera, Valchava, Santa Maria und erreicht schließlich, kurz vor der Grenze zu Südtirol, Müstair. Was würde mir die Woche in dem abgeschiedenen Tal bieten? Einen Platz zum Atmen, zum Sterneschauen – und viele Geschichten, erzählt in der rätoromanischen Melodie des Tals.


Die Schweiz im Bilderbuch

Vor einigen Jahren bin ich mal durch das Val Müstair durchgefahren, es war schon Ende Oktober und die bunten Häuser Graubündens sahen im dichten Schneefall besonders schön aus. Ich nahm mir fest vor, mich eines Tages auf das Tal einzulassen, glaubte aber selbst kaum daran, dass ich wiederkehren würde.

Bis ich mich in einem viel zu heißen Sommer nach Stille und Rückzug sehne und mir auf einmal wieder das Val Müstair einfällt. Im Clostra Son Jon, dem uralten Kloster des Tals, ist noch genau ein Zimmer frei, als wäre es für mich vorgesehen. Und so mache ich mich auf den weiten Weg in die Schweizer Abgeschiedenheit. 

Bei meinem ersten Klosterfrühstück in einem holzgetafelten, pastellfarbenen Zimmer sprechen die Frauen bei Müsli, Milch und Käsebrot über das Erntedankfest in Valchava. So ein Spektakel möchte ich mir nicht entgehen lassen und schon kurze Zeit später finde ich mich in einer Menschenmenge wieder, höre unter freiem Himmel zwei Priestern und einer Musikkapelle zu. 

Hoch oben liegt schon der erste Schnee, die Luft ist frisch und die Menschen rundherum fangen gleich nach der Messe zum Plaudern an. Ich verstehe nicht viel, weder vom Schwyzerdütschen noch vom Rätoromanischen, und fühle mich doch nicht fremd. Es ist fast so wie daheim, nur ein bisschen anders.

Dann gruppieren sich die Menschen links und rechts der Straße, gleich werden geschmückte Traktoren und Ziegen, Pferde und Schulkinder durch das Dorf ziehen. Ich tauche in die Szenerie ein, als wäre die Schweiz ein Bilderbuch und ich würde direkt in eines der Bilder hineingezogen werden. Hallo Val Müstair, werde ich am Ende des ersten Tages sagen, jetzt bin ich wirklich da, jetzt lasse ich mich auf dich ein! Und deine Bilder, die präge ich mir ein und nehme sie mit, wohin mich meine Wege auch führen mögen…

Ziegen ziehen durch

Hallo Welt, schau mich an!

Alphörner in Reih und Glied

Die Friedenstaube von Valchava

Hört ihr mich?


Das Lied des rauschenden Wassers

Durch das Val Müstair fließt ein Fluss, der Rom, der in Südtirol zum Rambach wird und dort schließlich in die Etsch mündet. Der Rom zählt zu den letzten naturbelassenen Gewässern in Europa. Keine Staustufe, kein Kraftwerk zähmt seine wild sprudelnden Wellen. Seit ewigen Zeiten bahnt sich das Wasser einen Weg durch das Val Müstair, nimmt da und dort einen Baum mit oder reißt eine der vielen Steinfiguren nieder. Oberhalb von Tschierv entspringt der Rom mitten in einem Geröllbett, nicht als Rinnsal, nein, gleich als vollständiger Bach. Entlang seiner Ufer führen Pfade durch sumpfige Wiesen, an Sandbänken vorbei, über steile Abhänge und weiche Schafweiden. Der Rom singt sein eigenes Lied, und man muss aufpassen, sich von seinen Melodien nicht allzu sehr verführen zu lassen:

T’inchüra, giuvnetta, da l’aua dal Rom,
chi chant‘ e chi sbuorfla tant dutsch e tant lom.

Nimm dich in Acht, Mädchen, vor dem Wasser des Roms,
das so lieblich klingt und sprudelt. 

Das Wasser glänzt in der Sonne, hält den Mädchen seinen schönen Spiegel vor, bis sie sich verlieben und nie wieder fortgehen.

E chantast e güvlast cull’au’e cul vent:
A qui’e be quia pro’l Rom stuni jent.

Du singst und jubelst mit Wasser und Wind:
Da, und nur da beim Rom bleibe ich gerne.

Ich bin längst kein Mädchen mehr, aber auch ich kann dem wilden Wasser kaum widerstehen, folge fast jeden Tag seinem Lauf – von Müstair nach Santa Maria, von Tschierv nach Fuldera, von Valchava nach Müstair, auf und ab durchs Tal, immerzu folge ich dem Rauschen des Roms. Ach, könnte ich bloß wirklich an seinen Ufern bleiben!

An der Quelle

Gut gebettet

Eselweide

Eine Eule schaut zu

Steinerner Wächter

Alles im Rahmen


Das Sternendorf am Sonnenhang

Zwischen Fuldera und Lü liegen viele Höhenmeter, aber nur wenige Kurven. Ich vertraue dem Fahrer des Postbusses meinen Vormittag an. Routiniert, fast schon gelangweilt lenkt er den Bus auf der steilen Straße zwischen den gelben Lärchen hinauf auf den Berg. Außer mir steigen in Lü nur ein Vater und sein Sohn aus, beladen mit ihren schweren Rädern. Gleich werden sie auf den unbefestigten Wegen hinunter ins Tal Schotter und Staub aufwirbeln. Ein kleiner weißer Hund bellt mich an und jagt ein paar Hühnern hinterher. Dann wird es still in Lü, und kalt.

Das Dorf liegt auf beinahe 2.000 Meter Seehöhe und ist dem Himmel sehr nahe. So nahe, dass ein tschechisches Paar hier ein Zentrum für Himmelsbeobachtungen eingerichtet hat. Kaum sonst wo in Europa sieht man in klaren Nächten so viele Sterne wie in Lü, dem Ort, der nach dem rätoromanischen Wort für Licht benannt ist. 

Der Sonnenhang, auf dem Lü liegt, drückt mich dem Himmel entgegen. Und von oben drücken die dichten Wolken zurück, die an diesem Tag über dem Val Müstair hängen. Ich fühle mich, als würde ich gleich zerdrückt werden. Kaum ein Mensch ist in den engen Gassen zu sehen. Die Stille des Dorfes macht mich nervös. Auch das Gasthaus zum Hirschen lädt mich nicht ein. Und der nächste Postautobus fährt erst in eineinhalb Stunden zurück nach Fuldera. 

Auf einer eingezäunten Wiese mitten zwischen den paar Häusern des Dorfes grast eine Herde Alpakas. Alarmiert starren sie in meine Richtung und senken dann gleich wieder ihren Kopf zur Wiese hinunter. Wie gerne würde ich meine Hände in ihre weiche Wolle vergraben! Stattdessen ziehe ich den Reißverschluss meines Mantels noch höher hinauf.

Die kleine protestantische Kirche in der Gemeinde steht unter Denkmalschutz. Und auch ich bin hier geschützt, vor dem kalten Wind in Lü, vor der Einsamkeit der Schweizer Berge. Hier darf ich einfach auf einer der Holzbänke sitzen. Es wird immer noch stiller.

Da geht auf einmal die Türe auf und eine Gruppe Jugendlicher stürmt herein. Ihr Lehrer nickt mir zu und entschuldigt sich: „Wir sind gleich wieder weg.“ Die Jugendlichen setzen sich auf die Bänke, kichern und wetzen herum. Der Lehrer hält ihnen dennoch einen  Vortrag über die Besonderheiten dieser Kirche: „Ihr sitzt hier auf Arwenholz.“ Arwen, so nennen sie die Zirben in der Schweiz, das habe ich in den letzten Tagen schon gelernt. „Das Arwenholz ist etwas ganz Spezielles. Alleine der Geruch! Und der Herzschlag verlangsamt sich in einer Arwenstube um fünf Schläge die Minute. Damit trägt das Arwenholz nachweislich zu Ruhe und Entspannung bei“, sagt der Lehrer in den Kirchenraum hinein.

Ich atme tief ein, atme aus. Ah, die Arwe, wie herrlich! Dann sollen die Jugendlichen noch ein Lied singen. Darin geht es um Freundschaft und Verbundenheit. Als die Jugendlichen die Kirche wieder verlassen, kehrt die Stille zurück nach Lü. Aber jetzt fühlt sie sich anders an als vorher, dicht und ruhig, beinahe so wie das, wonach ich gesucht habe.

Alleine in Lü

Alpakas haben Auslauf


In die Dunkelheit hinein

Die Klosterschwestern beten jeden Morgen um kurz vor sechs die Vigil. Ich stelle mir vor, wie der unerbittliche Rhythmus aus Ruhe und Gebet, der ihren Tagen Halt gibt und ihr Leben bestimmt, seit dem Mittelalter immer gleich geblieben ist. Tag für Tag, Jahrhundert für Jahrhundert, immer ist es das Morgengebet, mit dem alles beginnt.

An meinem letzten Tag im Val Müstair möchte ich bei der Vigil dabei sein. Als der Wecker läutet, kenne ich mich einen Moment lang nicht aus. So früh wach bin ich selten. Ich steige aus dem warmen Bett auf den hölzernen Fußboden, ducke mich, um durch die niedrigen Fenster zum Himmel hinaufzuschauen. Er ist dunkelblau, fast schwarz, und gespickt mit Sternen. Ich ziehe mich warm an und schleiche durch die Gänge des Klosters. Es ist ein vertrautes Labyrinth mittlerweile, die Stufen hinunter, durch zwei Türen in den Innenhof, dann durch den Arkadenhof. Das schwache Licht fällt auf die Marienstatue in einer Nische. Daneben brennt eine Kerze. Da höre ich Schritte, ein Schatten huscht vorbei. Ich gehe die Treppen hinauf, in den nächsten Trakt, folge dem Gang bis zur Kapelle.

Die Schwestern, die zeitlosen und doch uralten Bewohnerinnen des Klosters, sind hier geschützt vor den Blicken der Besucher*innen. Nur ihre hohen Stimmen sind zu hören, wie sie die archaischen Texte der Psalme beten:

Ich aber, Herr, ich schreie zu dir um Hilfe, am Morgen komme zu dir mein Bittgebet.
Warum, Herr, verstößt du mich, verbirgst vor mir dein Angesicht? (…) Entfernt hast du von mir Freunde und Nachbarn, mein Vertrauter ist nur noch die Finsternis.

Ich flüstere das Gebet mit und blicke aus dem Fenster hinaus in den Innenhof. Immer noch sehe ich die Sterne, die sich hell gegen den Nachthimmel abzeichnen. Der Dunkelheit können sie dennoch nichts anhaben. Es ist finster draußen, so finster und doch auch schön. Dann wird es langsam Morgen und es heißt Abschiednehmen. Oh Val Müstair, lass mich nicht los!

Ein Morgen im Kloster

Maria hat geholfen

Mach’s gut, Müstair!

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