SpracheStreunen

Auf der Suche nach der Sprache: mit Lingscape unterwegs in Favoriten

gepostet von Stadtstreunerin 25. November 2016

Die Aufschriften einer Stadt erzählen quasi im Vorbeigehen ein spannendes Stück Stadtgeschichte. Mit der App Lingscapedie ihr Entwickler Christoph Purschke unlängst hier auf Stadtstreunen.at ausführlich vorgestellt hat, lässt sich diese städtische Sprachenlandschaft – die sogenannte Linguistic Landscape – spielerisch einfangen. Zeit für einen Blick hinter die sprachlichen Fassaden der Stadt!

Meine ehemalige Arbeitskollegin Melli Seltmann – mittlerweile offiziell als „lingscape-addicted“ ausgezeichnet – hat mir eine Einführung in die Benutzung von Lingscape gegeben. Die Gelegenheit, mich von einem LL-Profi schulen zu lassen, wollte ich mir nicht entgehen lassen! So zogen wir an einem Novembervormittag los, um die Linguistic Landscape von Favoriten zu erkunden. Warum Favoriten? Wiens bevölkerungsreichster Bezirk ist bekanntlich ein Hotspot für mehrsprachige Aufschriften aller Art, stellt aber außerdem auf der Lingscape-Landkarte noch einen großen weißen Fleck dar. 

Zwischen Hauptbahnhof und Sonnwendviertel brachte mir Melli die Basics von Lingscape bei – auf ihrem Blog findet ihr eine Schritt-für-Schritt-Fotoanleitung dazu. Danach konnten wir endlich losstarten: Einfach Aufschrift abfotografieren, hochladen, Sprachen bestimmen und eventuell noch zusätzliche Informationen oder Kommentare hinzufügen. Schnell sammelten sich die roten Pfeile über Favoriten und bildeten unsere Route ab.

Screenshot Lingscape Route

Eine Runde quer durch Favoriten

Was genau ist aber die Faszination daran? Melli nennt hier einige Gründe: Lingscape ist nicht nur ein spannendes Forschungsprojekt, sondern eröffnet einen auch neuen Blick auf die Stadt, schärft den Blick für die Details und motiviert zur Stadtentdeckung durch zielloses Rumstreunen. Tatsächlich kennt sich die Berlinerin schon ziemlich gut in Wien aus!

Am Ende unserer Favoritendurchkreuzung, als wir wieder am Hauptbahnhof angelangt waren, konnten wir eine lange Liste an Fundstücken aufweisen: offizielle Aufschriften der Stadt Wien (Bitte nicht betreten! Hier entsteht eine blühende Naturwiese), daneben allerhand Graffiti in Form einer philosophischen Abhandlung über das Leben (Besoffen und doch inhaltsleer) oder als Ausdruck einer Wiener Hassliebe (A Kiwara is ka Hawara) und einiges mehr:

Ein Stück Wiener Wildnis mitten in Favoriten

Ein Stück Wiener Wildnis mitten in Favoriten

Ka Hawara

Wienerisch auf mittlerer Höhe

Saloni

Keine Saloni für uns, danke.

Alles durchstreichen!

Einfach alles durchstreichen!

Dazwischen wieder Klassiker (Bitte kein Reklamematerial), eine Dokumentation jugendlicher Beleidigungen (Neli ist dumm dumm – du noch dümmer) und ein schönes Beispiel für ein deutsches Lehnwort im Bosnischen/Serbischen/Kroatischen (mašina za veš). Definitiv ein Glanzstück ist die Aufschrift Schaumrollen Attrappen inmitten eines Berges von verdächtig echt aussehenden Schaumrollen. Wir wurden erfolgreich abgeschreckt! 

Dann sind wir weitergezogen, um persische Supermärkte, verblasste Namen längst geschlossener Geschäfte und bosnische Burekstände zu entdecken. 

Schaumrollen Attrappen

Achtung, Attrappe!

Waschmaschine

Allerhand Maschinen

Persischer Supermarkt

Mehrsprachiger Supermarkt

Bürsten - Pi(n)sel

Keine Pinsel weit und breit

So viele Details waren zu finden, dass wir mehr als genug für zukünftige Erforscher*innen übrig gelassen haben. Unser Fazit nach rund zwei Stunden: Favoriten ist alles Mögliche, aber sicherlich kein Ort von Blank Minds!

Blank Minds

Verschandelung oder Fundstück?


Mellis eigene erste Erfahrungen mit Lingscape in Luxemburg könnt ihr auf ihrem Blog nachlesen; dort findet ihr auch eine Reportage über unseren Streifzug durch Favoriten.

Weitere Beiträge

Hinterlasse einen Kommentar

*