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Teiche, Bunker und Ruinen – der Stadtwanderweg 4

gepostet von Stadtstreunerin 16. Juli 2017

An einem kühlen Sonntagnachmittag im Mai starte ich Teil zwei meiner Stadtwanderwegbegehungen. Nach dem Stadtwanderweg 7 entscheide ich mich für einen klassischen Rundweg vor meiner Haustüre, von dem ich mir nichts Neues oder gar Aufregendes erwartete. Aber es wäre nicht der Wienerwald, wenn es nicht anders käme!

Durch den Dehnepark

Der Ausgangspunkt für den Stadtwanderweg 4 ist die Haltestelle der Straßenbahnlinie 49. Am Weg dorthin begegne ich einer spontanen Flamingoinstallation aus Holz, die auf einer Gstättn fröhlich dem frischen Wind standhält. Dann geht es auch schon in den Dehnepark, in dem ich bereits als Kind zwischen der großen Platane und dem großzügigen Spielplatz herumgetollt bin. Tatsächlich ist der Dehnepark erst seit 1973 der Öffentlichkeit zugänglich; davor gehörte er lange Zeit dem Schauspieler und Regisseur Willi Forst. Ein kurzer Blick in den Teich, der mangels originellerer Vorschläge einfach Dehneparkteich heißt, zeigt, dass es heute für die hier ansässigen Schmuckschildkröten zu kalt ist. An warmen Tagen kann man sie oft auf umgestürzten Baumstämmen beim Sonnenbaden beobachten. Nach dem Teich erzählt mir eine Holzbank, was ich vom Rest der Welt halten soll. Ich stimme mich darauf ein und ziehe weiter.

Ein See im Steinbruch

Die Luft im Wald dampft noch von dem Regenguss am Vormittag. Ein kleiner Abstecher offenbart hier eine Kletterwand in den Felsen des ehemaligen Steinbruchs. Schließlich liegt der Silbersee vor mir, dessen dicke Eisschicht letzten Winter mir noch deutlich vor Augen steht. Jetzt, im vollen Frühling, ruht er ganz in sich. Kaum ein Laut ist hier in dem grünen Überfluss zu hören.

Vom Leben im Wald

Abgesehen von dem hölzernen Flamingo waren bisher weit und breit keine Tiere zu erspähen. Ich richte daher meinen Blick auf den Untergrund und sehe, wie sich dort das Leben im Kleinen abspielt. Plötzlich landet eine Krähe am Baum neben mir und krächzt mich an. Solcherart abgelenkt bekomme ich kaum mit, dass ich mich schon der Jubiläumswarte nähere.

Die Bunker der Jubiläumswarte

Die Jubiläumswarte wurde 1898 anlässlich des 50-jährigen Regierungsjubiläums von Kaiser Franz Joseph I. auf dem Gallitzinberg errichtet. Rund um die Warte finden sich neben der Stempelstelle für den Wanderpass auch drei seltsame Gebäude, über deren Zweck wohl kaum noch jemand rätselt. Ohne Funktion und ohne Kommentar wachen sie über spielende Kinder, die neugierig hineinschauen oder sie als Begrenzungen für Fußballtore benutzen.

Erst vor Kurzem habe ich herausgefunden, was es mit den ausgehöhlten Betonblöcken auf sich hat: Es handelt sich um drei sogenannte Ein-Mann-Beobachtungsbunker aus der Zeit des Zweiten Weltkrieges. Seit 1940 befand sich auf dem Gallitzinberg unweit der Jubiläumswarte – die natürlich in „Adolf-Hitler-Warte“ umgetauft worden war – eine Luftlagemeldezentrale, in der Beobachtungen von feindlichen Flugzeugen gesammelt und an die militärischen Leitungsstellen weitergegeben wurden. Später wurde ein bombensicherer Stollen im Berg errichtet, der als „Gaugefechtsstand“ bzw. als eine Art Regierungsbunker für den Gauleiter Baldur von Schirach und die gesamte NS-Führungsspitze genutzt wurde. In dem stickigen, karg eingerichteten Stollen wurden militärische Einsatzbesprechungen durchgeführt und die Wiener Bevölkerung per Drahtfunk vor bevorstehenden Angriffen gewarnt. Die beiden Eingänge in den Bunker wurden nach dem Krieg zugeschüttet und gesprengt. Die drei Beobachtungsbunker auf der Oberfläche sind heute also die Überbleibsel einer längst nicht mehr zugänglichen militärischen Anlage, die viel Raum für Spekulationen lässt.

Von Wiese zu Wiese

Auf der Wiese bei der Jubiläumswarte steht außerdem ein Kirschbaum, dessen herabhängende Zweige sich für eine Rast anbieten. Zwar war das Sitzen auf Ästen früher bequemer, aber wie oft lässt sich schon eine Jause zwischen Kirschbaumzweigen verzehren?

Danach geht es weiter zur Kreuzeichenwiese. Auf dem Weg dorthin steht seit einiger Zeit ein hübsch verzierter Baumstumpf. Die Rinde wurde in Meeresfarben angemalt und mit Glitzer besprüht, als ob sich der Baum auf seine alten Tage für eine Auszeit entschieden hätte.

Die Kreuzeichenwiese streife ich nur am Rande, als beliebter Hundeauslaufplatz ist sie mir nicht besonders sympathisch. Außerdem bin ich seit meiner Kindheit enttäuscht, dass sich hier keine Eiche mit Kreuz darauf befindet!

Am Weg zur nächsten Wiese komme ich an einer weiteren Warte vorbei, die nach dem Verhaltensforscher und Naturschützer Otto Koenig benannt ist. Ich habe sie noch nie zuvor bemerkt, allerdings ist sie auch nie geöffnet. Vorbei an einem weiteren kleinen Teich namens – Überraschung! – Jubiläumswarteteich führt der Weg zur beliebten Grillwiese, die sogar mit einem eigenen Grillwächter aufwartet. Dutzende Familien leben hier Woche für Woche ihre Vorstellung von einem gelungenen Sommerwochenende. Fast ein bisschen schade, dass man hier als Wanderin nicht etwas von dem Picknick- und Grillgut abbekommen kann!

Durch den Eichenwald

Hier nimmt der Weg eine unerwartete Wendung. Statt nach links zu den Steinhofgründen führt mich der Wegweiser nach rechts durch einen mächtigen Eichenwald. Einige hundert Meter lang offenbart mir der Stadtwanderweg also gänzlich unbekannte Pfade. Ein weißer Brunnen mit bunten Mosaiksteinchen wartet mitten im Wald auf Durstige, und entlang des Baches wuchern violette Akeleien. 

Beim Kleinen Schutzhaus Rosental stoße ich wieder auf die altvertrauten Wege. Plötzlich mutig geworden, beschließe ich noch spontan, einen Abstecher zur Ruinenvilla im Dehnepark zu machen. 

In der Ruinenvilla

Die Ruinenvilla wurde im Auftrag der ursprünglichen Besitzerin des Dehneparks, der Fürstin Antonie von Paar, errichtet. Ganz im Sinne des Zeitgeists entstanden zwischen 1791 und 1804 mehrere Bauwerke, die den wildromantischen Charakter des Landschaftsgartens unterstreichen sollten. Davon ist heute nur noch die Ruine einer bereits als Ruine angelegten Villa erhalten, die früher als Orangerie und als Gärtnerwohnung gedient hat. Mittlerweile steht die Villa seit Jahrzehnten leer und ist dem Verfall preisgegeben. Alle Bemühungen seitens der Kronen Zeitung, einen achtsameren Umgang für den „blamablen Schandfleck“ einzufordern, liefen ins Leere. Und so ist die Villa heute ein Ort für banale Graffitirituale und ergebnisloses Gespenstersuchen.

Nachdem der Dehnepark seinen Namen von dem renommierten Hofzuckerbäcker August Dehne (1796-1875) erhalten hat, dessen Geschäft heute noch unter dem Namen Demel weiterlebt, schlage ich eine Neunutzung der Villa als Konditorei vor. Die Obstwiese unterhalb der Villa würde sich als Rohmaterial für diverse Kuchen anbieten, und die Familien am Spielplatz weiter unten wären bestimmt eine dankbare Kundschaft… 


Wanderfazit

Weg: Linzer Straße (49er Haltestelle Bahnhofstraße) > Dehnepark > Teich im Dehnepark > Silbersee > Steinböckengasse > Waldweg > Wickengasse > Waldweg > Jubiläumswarte > Kreuzeichenwiese > Otto-Koenig-Warte > kleiner Teich > Grillwiese > Eichenwald > Loiblstraße > Steig am Rosenbach > Rosental > Dehnepark > Linzer Straße

Strecke: 8 Kilometer

Zeit: 2 Stunden (reine Gehzeit)

Urteil: Ein Westwiener Klassiker, für jede Jahreszeit und jede Stimmung geeignet.


Zum Weiterlesen:

Bouchal Robert, La Speranza Marcello (2012): Wien. Die letzten Spuren des Krieges. Relikte & Entdeckungen. Wien / Graz / Klagenfurt: Pichler Verlag

Ein kurzes Video über den Schirach-Bunker gibt es hier.

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