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Sprache, Ort und Raum – mit der Kulturwissenschafterin Nada Zerzer im Gespräch

gepostet von Stadtstreunerin 8. Juni 2017

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Auf den Spuren der Verwicklungen zwischen Sprache, Ort und Raum: Die Kulturwissenschafterin DI Nada Zerzer gibt in einem Stadtgespräch Einblicke in ihre Forschung über die Repräsentation von Minderheitensprachen im Alpen-Adria-Raum. Unlängst war ja hier schon mal die Rede von der Sprachenlandschaft der Stadt – diesmal geht es auf der Suche nach der Bedeutung von Sprache in die kleinsten Dörfer. Und wo fängt ein Dorf an? Bei der Ortstafel natürlich, die es in Österreich zu zweifelhaftem Ruhm gebracht hat. Die Kärntner Slowenin spricht über die Verortung im Raum durch Sprache und die Kunst der Zweisprachigkeit – und darüber, was Architektur eigentlich damit zu hat.


Eva: In deiner Diplomarbeit schreibst du den schönen Satz „Architektur ist nie außerhalb von uns selbst, und wir sind nie außerhalb der Architektur“. Ich lese daraus, dass Architektur sehr viele Aspekte beinhaltet und nicht zuletzt auch mitbestimmt, wie wir einen Ort oder einen Raum wahrnehmen, uns darin zurechtfinden, ihn erschaffen und gestalten. Auch Sprache spielt da auf die eine oder andere Weise mit, oder?

Nada Zerzer: Ja, aber auf eine komplexere Art, als man vielleicht auf den ersten Blick glauben mag. In meiner Dissertation setze ich mich damit auseinander, wie Sprecher*innen von Minderheitensprachen mit der öffentlichen Präsenz ihrer Sprachen umgehen und welches Verhältnis sie dazu haben. Messen sie dem viel Bedeutung bei, wenn ihre Sprache in der Öffentlichkeit verwendet wird? Ist es bedeutsam für sie, wenn ihre Sprache spürbar wird in irgendeiner Art und Weise? Es geht dabei ja nicht nur um das Sehen der Sprache, sondern auch um das Hören. Ich habe dazu bereits einige Interviews mit Minderheitenangehörigen im Alpen-Adria-Raum geführt: mit Slowenischsprecher*innen in Klagenfurt/Celovec (Österreich) und Triest/Trst (Italien) sowie mit Italienischsprecher*innen in Koper/Capodistria (Slowenien).

Zwei Sprachen auf Architektur

Eva: Geht es dir dabei auch um die Architektur dieser Regionen? Gibt es da überhaupt einen Zusammenhang zwischen Mehrsprachigkeit und Architektur?

Nada Zerzer: Naja. Architektur ist zwar schon viel mehr als die Bauten einer Stadt oder eines Dorfes. Da einen Zusammenhang sehen zu wollen, suggeriert aber, dass Sprache auf die Art und Weise, wie Häuser gebaut werden, einen Einfluss nehmen könnte. Aber Mehrsprachigkeit ist das eine, und Baukultur ist was ganz anderes.

Eva: Das stimmt natürlich. Die Bauernhäuser slowenischsprachiger Familien in Kärnten sehen ja nicht anders aus als die deutschsprachiger Familien.

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Hier spricht man auch Slowenisch – Tukaj se govori tudi slovensko

Nada Zerzer: Das ist auch darin begründet, dass das alles zusammen Gebrauchsarchitektur ist. Die Gebrauchsarchitektur hat im Laufe der Zeit eine regionale Form entwickelt, bei der die Sprache, die von den Leuten gesprochen wurde und wird, keinen oder kaum einen Einfluss gehabt hat. In Koper ist es aber zum Beispiel ein bisschen anders: In Slowenien ist es ja so, dass die italienischsprachige Minderheit stets in Städten gelebt hat. Die heutige Zweisprachigkeit stammt noch aus Zeiten, in denen Koper zum venezianischen Hoheitsgebiet gehört hat, und die urbane, bürgerliche Oberschicht war eben italienischsprachig. Heute sticht in Koper die Architektur, diese venezianische Küstenstadtarchitektur, natürlich besonders ins Auge. Und Leute, die gerne die italianità von Koper betonen, verweisen auf die bauliche Struktur der Stadt. Eine Gesprächspartnerin stellte sogar den nachlässigen Umgang der Stadtverwaltung mit dem architektonischen Erbe in einen Zusammenhang mit der Geringschätzung der italienischen Sprache in Slowenien. Dass sich die sprachliche Zuordnung so in der Architektur manifestiert wie dort, ist aber etwas, das man für Kärnten nicht wirklich behaupten kann.

Koper

Palast in Koper/Capodistria

Eva: Allerdings gibt es in Kärnten die zweisprachigen Ortstafeln, um die bekanntlich heftigst gestritten wurde. Warum sind ausgerechnet die topographischen Aufschriften so sehr zum Brennpunkt aller Debatten um Minderheitenrechte geworden, dass jahrzehntelang keine Einigung möglich war?

Nada Zerzer: Einerseits gibt es hier wenig Spielraum für Kompromisse: Ortstafeln sind entweder zweisprachig oder einsprachig. Da muss man sich entscheiden. Andererseits sind sie ein Symbol für die Konfrontation mit der gesellschaftlichen Vielfalt. In den Köpfen gibt es nach wie vor dieses Konzept von Reinheit – basierend auf diesem unglaublich veralteten und politisch-gesellschaftlich so überholten, nicht nur schwachsinnigen, sondern verbrecherischen Ideal eines sprachlich homogenen Nationalstaates. Unter dieser Flagge ist in den vergangenen 150 Jahren so viel Leid verübt worden, so viel gemordet worden. Aber dieses Ideal der Reinheit besteht immer noch! Es ist völlig absurd. Und da sind natürlich zweisprachige topographische Aufschriften und Menschen, die diese Zweisprachigkeit öffentlich machen, ein Stachel im Fleisch.

Eva: Aber gerade in Kärnten ist es doch offensichtlich, dass diese angestrebte Reinheit gar nicht herstellbar ist. Ich kann doch nicht in Dörfern wie Dragositschach oder Tichoja wohnen und behaupten, das seien urtypische deutsche Ortsnamen.

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Die Geographie der Zweisprachigkeit

Nada Zerzer: Viele Leute merken das gar nicht. Wenn eine Ortschaft Goritschach heißt – Goriče auf Slowenisch –, nehmen sie das als Namen dieser Ortschaft hin. So heißt das eben. Es ist ihnen aber nicht bewusst, dass das ja eine Bedeutung hat im Slowenischen. Das ist ja nicht nur eine Aneinanderreihung von Lauten, sondern eine geographische Beschreibung – es steckt gor drinnen, das heißt ‚oben‘. Ein solcher Name – andere Beispiele sind Pogöriach oder Goritschitzen – ist ein Hinweis auf eine Ortschaft am Hügel oben, am Berg. Im Tal hingegen gibt es oft Ortschaften namens Dellach, Dölach oder Dolintschitschach – von dol, ‚unten‘. Das ist vielen nicht bewusst. Dadurch ist ihnen auch die Absurdität der Eindeutschung nicht bewusst.

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Čemernica wird zu Tschemernitzen

Ähnlich verhält es sich mit Hofnamen in einem Seitental vom Gurktal, wo meine Schwiegereltern ihren Bauernhof haben. Eine Kärntner Region also, die nicht unbedingt für ihre Zweisprachigkeit bekannt ist. Bei einem Spaziergang haben wir so Hofnamen gefunden wie Briner. Wir haben herausgefunden, dass es dort früher viele Wacholderwälder gab – und brin heißt ‚Wacholder‘ auf Slowenisch. Ähnlich ist es mit einem Bauernhof namens Frieger, das kommt von breg, dem Abhang. Und dann gibt es den Saloga: log ist das Wäldchen, za heißt dahinter – za logom heißt dann ‚hinter dem Wäldchen‘. Diese Anhäufung von Namen slowenischer Herkunft in einem Gebiet, wo weit und breit kein Slowenisch mehr gesprochen wird, hat mich echt verblüfft.

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Porečje heißt ‚Flußgebiet‘ auf Slowenisch

Eva: Spannend, wie die Namen Relationen im Raum kodieren: vor dem Wald, hinter dem Wald, oben am Hang, unten im Tal. Wenn die Sprache nicht mehr gesprochen wird, geht diese Verortung im Raum auch irgendwie verloren. Ich frage mich aber oft, warum diese Namen – oder auch viele aus dem Slowenischen entlehnte Dialektwörter wie Strankalan (Fisolen) – nicht als ‚fremd‘ auffallen, wo doch das Slowenische in Kärnten sonst so gerne als fremdes Element dargestellt wird. Andererseits gab es auch in meiner Wiener Volksschule etliche Kinder mit slawischen Familiennamen. Das war ganz normal. Also ich zumindest wäre da nie auf die Idee gekommen, dass das irgendwie anders sein könnte.

Nada Zerzer: Ja, eh. Niemand fragt sich in Wien, warum sich eine Frau Cerny mit c schreibt. Man denkt einfach nicht darüber nach, dass das eine Ausspracheform ist, die sonst im Deutschen nicht üblich ist. Aber das bezeugt auch wieder, wie viel unbewusst gemacht wird, wie viel von dem, was wir täglich sehen und erleben und kommunizieren, wir überhaupt nicht bewusst reflektieren. Das wird einfach übernommen und Punkt. Das ist einfach so.

Eva: Irgendwann schleicht sich das ins kollektive Gedächtnis. Dabei wurden die Zuwanderer*innen früher genauso abgewertet wie heute. Heute sind halt großteils nur noch ihre Namen übrig.

Nada Zerzer: Die fordern nichts mehr, also muss man sich nicht gegen sie wehren. Es verwebt sich alles irgendwie in ein Tapis des Wienerischen. Man kann sich gelegentlich damit schmücken, indem man sagt: Wir waren immer schon eine multikulturelle Stadt. Aber wehe, man muss nur einen Funken der Anstrengung dafür aufwenden.

Eva: Oder womöglich Geld in die Hand nehmen.

Nada Zerzer: Jössas na! Bloß nicht.

Eva: Gehen wir von den Namen zurück zu den Orten: Was macht einen Ort zum Ort, was gibt ihm eine unverwechselbare Identität? Es gibt ja diese Theorie von dem französischen Anthropologen Marc Augé, der Orte von Nicht-Orten unterscheidet.

Nada Zerzer: Hm. Ich bin mir nicht sicher, ob diese Theorie für mich anwendbar ist. Im Prinzip heißt es ja, Nicht-Orte seien jene, zu denen man keine Beziehung hat und in denen nicht persönlich, direkt kommuniziert wird. Informationen und Appelle funktionieren dort anonym, etwa durch Aufschriften oder Tonbänder. Und in dieser Theorie wäre sozusagen der Ortsbeginn mit einer Ortstafel ein Nicht-Ort: Die Ortstafel kommuniziert anonym und appelliert u. a. daran, die Geschwindigkeit zu reduzieren. Aber wenn es um den Konflikt rund um die Zweisprachigkeit einer Ortstafel geht, bauen alle Beteiligten eine Beziehung dazu auf – und zwar eine hochemotionale Beziehung. Die Ortstafel wird zum ultimativen Symbol. Ich tu mir schwer, da von einem Nicht-Ort zu sprechen: Hier erfolgt eine Transformation von Nicht-Ort zu Ort.

Eva: Das gilt aber vielleicht auch in nicht konfliktbelasteten Orten. Wenn ich die Ortstafel von Wien sehe, freue ich mich. Dann weiß ich, dass ich in Wien bin.

Nada Zerzer: Ja, eben. Die emotionale Verbindung, die man zu einem Ortsschild hat, weil es eben das Ankommen in einem Ort symbolisiert, stellt für mich diese ganze Ort- und Nicht-Ort-Theorie ein bisschen in Frage. Nicht, dass die Theorie per se keinen Sinn ergibt, aber ich bezweifle ihre Anwendbarkeit in diesem Zusammenhang.

Eva: Ich finde diese Konzepte von Orten auch schwierig, die davon ausgehen, dass ein Ort ausschließlich sozial konstruiert wird, oder nur durch die Leute existiert, die gerade dort sind. Für mich waren diese Theorien immer schwer greifbar, aber ich habe mich auch nur am Rande damit beschäftigt.

Nada Zerzer: Das ist aber auch schwer greifbar. Diese Theorien gehen von ganz anderen Begriffen von Ort und Raum aus, als wir üblicherweise verwenden. Angenommen, wir haben einen Platz mit einem Denkmal. Wenn ich sage, das wird zu einem Ort des Erinnerns ausschließlich durch die soziale Konstruktion, dann heißt das ja nicht, dass es das Denkmal nicht gibt, wenn diese soziale Konstruktion nicht stattfindet. Aber das Wissen allein, dass dort ein Denkmal steht, macht tatsächlich noch keinen Gedenkort daraus. Ein Ort des Erinnerns entsteht dann, wenn ich davon weiß und wenn ich es so spüre und so sehe und so nutze. Und wenn es mehrere Menschen gibt, die das empfinden, kriegt das eine eigene Dynamik.

Eva: Zwar kann ich auch individuell einem Ort eine bestimmte Bedeutung geben, aber der kollektive Aspekt ist da schon zentral.

Nada Zerzer: Ja, diese sozialen Raumkonstruktionen haben schon einen großen gesellschaftlichen Aspekt. Klar kann ich Erinnerung leben, ohne dass ich so einen Fokussierungspunkt habe wie einen spezifischen Ort oder ein Denkmal. Aber indem ich einen solchen Punkt habe, ermöglicht das die Vergesellschaftlichung des Erinnerns und macht daraus auch ein räumliches Phänomen. Etwa, indem sich dann Menschen gezielt zum Erinnern dorthin begeben, indem sie beim Vorbeigehen daran denken. Dann kriegt das tatsächlich auch manchmal räumlich-manifeste Formen, wie eben ein Denkmal. Das ist in Wahrheit soziale Konstruktion. Diese soziale Konstruktion kann eben auch sich materialisieren – natürlich nicht von alleine, das behaupte ich ja nicht. Aber die soziale Konstruktion kann durchaus dazu führen, dass jemand die Initiative ergreift und den Ort materialisiert. Bei Denkmälern funktioniert es halt meistens umgekehrt: Da heißt es oft, hier ist das Denkmal und da gibt es jetzt die soziale Konstruktion des Erinnerns dazu. Entsprechend haut das auch nicht wirklich hin und das Denkmal ist nicht viel mehr als ein Kranzablegeplatz. Der Stein übernimmt dann die Aufgabe des Erinnerns – wobei auch diese Steine manchmal durchaus soziale Bewegungen auslösen können.

Eva: In Kärnten ist es auch sehr aussagekräftig, ob ein Denkmal auf Deutsch, auf Slowenisch oder auf Deutsch und Slowenisch beschriftet ist. Aber was mir gerade noch zum Thema Architektur und Mehrsprachigkeit einfällt: Mir sind in Kärnten öfters künstlerische Spiele mit der Sprache aufgefallen, zum Beispiel bei Aufschriften auf Gebäuden wie auf der Universität Klagenfurt.

Nada Zerzer: Ja, das ist eine sehr spannende Frage. Dieses Spielen mit Sprache in der Kunst, insbesondere mit dem Bild von Sprache, ist ein Phänomen, das ich im Alpen-Adria-Raum nur in Kärnten gefunden habe. Sei es in den Gedichten von Jani Oswald, die nicht nur klanglich zweisprachig sind, sondern deren gedruckte Form auch die Zweisprachigkeit spiegelt; er spielt ja auch mit dem Bild des geschriebenen Wortes. Oder in der Gestaltung der Dolmetschboxen an der Uni Klagenfurt durch Valentin Oman, der dort deutsche Ortsnamen in Kärnten mit ihrer slowenischen Entsprechung aufdrucken hat lassen. Ein besonders spannendes, vielschichtiges Projekt ist die Aktion Haček (k)lebt vom Universitätskulturzentrum UNIKUM, wo dieser ganze Sprachenkonflikt auf das eine diakritische Zeichen, das Hatschek eben, das Slowenisch sichtbar vom Deutschen unterscheidet, reduziert wird.

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Haček (k)lebt!

Dieser Umgang mit dem Bild von Sprache ist für mich sehr faszinierend. Als ich in Italien und Slowenien gefragt habe, ob es Kunstformen gibt, die genau diese Zweisprachigkeit thematisieren, wurde ich immer erstaunt angeschaut. In der Triestiner Gegend wurde ich oft verwiesen auf Künstler*innen, die den Karst malen. Die Karstlandschaft ist dort das Symbol für das Slowenische. Aber die Auseinandersetzung mit der Sprache selbst, das Spielen mit der Orthographie und den Buchstaben, das war dort ein vollkommen fremdes Konzept. Und das wiederum habe ich spannend gefunden. Was sind dann die Gründe, warum das in Kärnten passiert ist? Offensichtlich liegt das doch nicht so auf der Hand wie ich dachte. Aber dann muss es einen Grund geben, warum das in Kärnten eine anerkannte Praxis geworden ist.

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Mehrsprachiger Text (UNIKUM)

Eva: Vielleicht ist es der Versuch, da wieder Leichtigkeit hineinzukriegen, weil dieser ganze Konflikt rund um die Zweisprachigkeit schon so stark belastet ist.

Nada Zerzer: Das war auch meine Überlegung, dass das vielleicht eine Form sein kann, um diese so unglaublich belastete und belastende Stimmung im Land zu konterkarieren oder zu verarbeiten, um dem ein bisschen die Schmerzhaftigkeit zu nehmen. Wenn diese Hačeks dann irgendwo geklebt sind, hat es etwas Befreiendes und Erleichterndes gehabt, darüber lachen zu können. Das ist schon lustig, wenn aus Maria Saal plötzlich Maria Šaal wird. Man braucht natürlich Hintergrundwissen, um diese Art von Humor verstehen zu können, aber dann hat das was ganz Subtiles und Subversives. Auch, weil es so schön vor Augen führt: Hey, das ist nicht viel mehr als ein kleines Hakerl. Davor soll man sich fürchten? Deswegen also das ganze Theater?

Eva: Ja, aber dieser Gedanke kann halt allzu leicht umgekehrt werden: Wozu braucht es dieses Hakerl überhaupt?

Nada Zerzer: Klar, aber diese Version der Geschichte kennen wir eh zur Genüge. Das war eben das Besondere daran, dass es einmal umgedreht war. Ähnlich ist es bei den Gedichten von Jani Oswald, die nur dann wirklich zugänglich sind, wenn man beide Sprachen versteht. Wenn man seinen Sprachspielen, die er oft hin- und herübersetzt, folgen kann, ist es auf einmal kein Nachteil mehr, eine zweite Sprache zu können. Im Unterschied dazu funktionieren die zahlreichen Ortsnamen slowenischer Herkunft in Kärnten auch dann, wenn man sie nicht entschlüsseln kann.

Eva: Ich habe mal in einem Artikel darüber gelesen, dass es nach dem Ortstafelsturm von 1972 – bei dem zweisprachige Ortsschilder gewaltsam entfernt wurden – teilweise jahrzehntelang keine Ortstafeln mehr gegeben hat.

Nada Zerzer: Ja, das war so. Bei mir gibt es noch immer keine Ortstafel. Ich wohne in der Nähe von Latschach, das bei den Verhandlungen rund um die ach so formidable Ortstafellösung ein großes Thema war. Der zweisprachige Bevölkerungsanteil hätte zwar den geforderten Kriterien entsprochen. Aber es hat einen Nachtteil: Es liegt an der Bundesstraße.

Eva: Warum ist das ein Nachteil? Vermutlich, weil man das Schild auf der Bundesstraße dann auch zweisprachig beschriften müsste?

Nada Zerzer: Es ist so gelöst worden, dass es einfach keine Ortstafel gibt. In den Weilern rundherum gibt es kleine, weiße Tafeln am Ortsbeginn, und die sind zweisprachig. Dieses Schema zieht sich durch die Gemeinde, und zwar schon seit Jahrzehnten. Aber damals, 2011, als die zweisprachigen Ortstafeln flächendeckend aufgestellt worden sind, bin ich mal hinunter ins Rosental gefahren, um sie mir anzuschauen. Da stand dann auf einmal: Sankt Jakob im Rosental – Šentjakob v Rožu, Mühlbach – Reka, Maria Elend – Podgorje. Und ich kann mich noch sehr an das Gefühl erinnern, als ich das gesehen habe: Ich war so gerührt, dass da plötzlich die Ortsnamen in der Sprache stehen, die ich spreche. Die Sprache, deren Existenzberechtigung seit ich mich erinnern kann und soweit die Erzählungen der Alten zurückreichen, immer bestritten wurde! Die Sprache, um die es immer Konflikte gab. Und plötzlich stehen da die Ortstafeln mit den slowenischen Namen unter den deutschen! Ich war so gerührt, wirklich. Ich kann es nicht anders beschreiben. Und auch das ist absurd, weil es letzten Endes nur Ortstafeln sind.

Eva: Ja, an denen hat sich eben alles festgemacht.

Nada Zerzer: Die Ortstafeln waren dermaßen überladen mit Symbolik und zum Teil sind sie es immer noch. Da wurden mit fast schon religiösem Eifer so viel Scheingefechte geführt.

Eva: Dabei ging es ganz was anderes.

Nada Zerzer: Na klar. Gegangen ist es darum, dass ein paar Leute nach wie vor nicht wollen, dass in Kärnten Slowenisch gesprochen wird. Da kamen dann so abstruse Argumente wie: Da kennt sich doch kein Mensch aus, wenn zwei Namen auf der Ortstafel stehen!

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Was nicht Deutsch ist…

Eva: Die Phase ohne Ortstafeln hat ja nur funktioniert, weil sich in dem Gebiet hauptsächlich Einheimische bewegen, die sich ohnehin auskennen.

Nada Zerzer: Genau, es hat schon auch diesen Aspekt: Wer sich nicht auskennt, hat hier nichts zu suchen. Es ist eine weitere Spielart von ‚Nur Einheimische erwünscht‘. Und außerdem: Wenn wir keine zweisprachigen Ortstafeln aufstellen, fällt keinem auf, dass hier – trotz aller Bemühungen von deutschnationaler Seite – immer noch Slowenisch gesprochen wird.

Eva: Echt skurril. Außerdem eine typisch österreichische Lösung: dem Konflikt aus dem Weg gehen, indem man jede Lösung vermeidet. – Aber kommen wir zurück zu deiner Dissertation: Was hat dich denn in den bisher geführten Gesprächen mit Minderheitenangehörigen am meisten beeindruckt?

Nada Zerzer: Die Gespräche waren alle sehr interessant und aufschlussreich, aber mir ist besonders ein Satz von einer Italienischsprecherin aus Koper in Erinnerung. Dieser Gedanke begleitet seither meine Forschung. Sie hat gemeint:

“In den vergangenen Jahrhunderten gab es hier so viele Staatsformen, so viele unterschiedliche Machthaber, alle mit ihren jeweiligen Sprachen. Da war Venedig, da war Habsburg, das faschistische Italien, Jugoslawien, die eigenständige Republik Slowenien – und mittlerweile ist Slowenien ein Teil der EU. Die Landesgrenzen haben sich ständig verschoben, mal auf die eine, mal auf die andere Seite. Die Staatsform selbst hat sich verändert und mit ihr auch die Staatssprache. – Aber meine Familie, meine italienischsprachige Familie, die war immer da! Seit hunderten Jahren sind wir hier in Koper als Familie ansässig. Warum sollte also mein Italienischsprechen weniger Legitimität haben als eine Staatsform? Warum wiegt diese Staatsform so viel mehr, warum darf diese Staatsform so viel mehr bestimmen über das, wie ich in meinem Alltag handle und mit anderen Menschen spreche, als das, was wir hier seit Jahrhunderten tradieren?”

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Italienisch an zweiter Stelle

Diese Legitimierungs- und Berechtigungsthematik ist eine unglaublich spannende Frage: Entscheidend und normierend ist nicht der sprachliche Alltag der Menschen, sondern ob diese Sprache in einem Staatsgrundgesetz steht. In Slowenien gibt es ein Gesetz, das den Sprachgebrauch in einem bestimmten, klar abgegrenzten Gebiet regelt; dort hat alles zweisprachig zu erfolgen. Das ist das sogenannte Territorialprinzip des Minderheitenschutzes.

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Zweisprachige Tischlerei

Trotzdem ist es nicht entscheidend, dass die Familien so sprechen, sondern dass das im Gesetz steht. Und jetzt bin ich die Letzte, die den Rechtsstaat in Frage stellt – im Gegenteil. Nur: Gesetze werden von Menschen gemacht und ich glaube, auf so tatsächlich alltagsbestimmende Dinge wie Sprachen, die gesprochen werden, muss man in den entsprechenden Formulierungen in den Gesetzen auch Acht geben. Es sei denn, man will die Mehrsprachigkeit eigentlich nicht.

Eva: Hm, der Eindruck drängt sich auf.

Nada Zerzer: Ja, der Eindruck drängt sich unglaublich auf. In fast allen Gebieten, in denen autochthone Minderheiten leben, gibt es einen Anpassungs- und Assimilierungsdruck. Ich persönlich glaube, es ist einfach nur ein Versuch, das Vermeiden der Mühsal der Zweisprachigkeit zu legitimieren, indem es zu etwas Unnützem, Behinderndem oder Schädigendem gemacht wird.

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Der Kampf um Sichtbarkeit

Eva: Aber wer sagt denn, dass die Zweisprachigkeit mühsam ist? Doch wohl kaum die Sprecher*innen selber?

Nada Zerzer: Das Sprechen einer anderen Sprache ist natürlich nicht an sich anstrengend. Aber viele, vor allem Eltern, sind sich bewusst, dass es einen enormen Aufwand darstellt, die Minderheitensprache gezielt zu fördern und zu pflegen. Also, in der österreichischen und besonders in der Kärntner Gesellschaft passiert das sicher nicht von alleine, dass die Kinder zweisprachig sprechfähig sind. Das geht nicht so nebenbei! Das Um und Auf ist, dass die Eltern die Sprache tatsächlich verwenden. Aber damit ist die Sache noch nicht getan: Heutzutage genügt es nicht, nur die Minderheitensprache zu sprechen und ab und zu ein Buch vorzulesen. Wenn das Kind wirklich zweisprachig werden soll, sodass es beide Sprachen auch aktiv nutzen kann, muss die Minderheitensprache ähnlich interessant sein wie die dominante Mehrheitssprache. Eine Sprache, die im Vergleich zu einer anderen Sprache einen eingeschränkten Nutzungsrahmen hat, gerät schnell ins Hintertreffen.

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Nur ein Berg ist zweisprachig

Eva: Ja, die Sprache muss im alltäglichen Leben relevant sein.

Nada Zerzer: Also ich für meinen Teil bin nicht damit zufrieden, wenn meine Kinder ein paar slowenische Floskeln beherrschen. Das macht eine Sprache noch nicht lebendig, da wird die Nutzbarkeit und Lebbarkeit zu sehr eingeschränkt. Das rutscht dann für mich so in den Bereich der Folklore. Leute, die auf Slowenisch fluchen können, findest du in Kärnten jede Menge. Ich würde mir aber schwer tun, die als zweisprachig zu bezeichnen – sie selbst würden das vermutlich auch nicht von sich sagen.

Eva: Wie würdest du Zweisprachigkeit denn sehen?

Nada Zerzer: Zweisprachigkeit ist nicht ausschließlich eine Sprachkompetenz. Es ist eine Lebensform! Für mich ist es wichtig, die Anwendungsbereiche und die Lebbarkeitsbereiche beider Sprachen möglichst groß zu gestalten, weil ich glaube, dass jede Sprache ein neues Fenster in die Welt ist, oder eine neue Tür. In jeder Sprache, die ich bisher gelernt habe, bin ich auf Sprachbilder gestoßen, oder auf Formulierungen, die mir auf das Leben einen neuen Blick ermöglicht haben. Hierfür reicht aber das Rudimentäre oder Folkloristische nicht.

Eva: Kann das Lernen anderer Sprachen ein Beitrag zu einer besseren Gesellschaft sein, ein Teil einer aktiven Friedenspolitik?

Nada Zerzer: Durchaus, ja. Jede Sprache hat eine eigene Art, die Welt und das Leben zu beschreiben und die Sprecher*innen in dieser Welt und in diesem Leben zu verankern. Andere Sprachen zu lernen macht anschaulich, nachspürbar, erlebbar, dass es ganz viele unterschiedliche Möglichkeiten gibt, eine eindeutig scheinende Realität zu sehen und zu beschreiben. Die Welt ist eben vielfältig! Ich glaube, wenn wir ein förderliches und gedeihliches Miteinander haben wollen, dann ist es wichtig, diese Vielfalt zu sehen und einen guten Umgang damit zu finden. Auch Menschen, die zweisprachig aufwachsen, lernen, diese Vielfalt in sich selbst zu akzeptieren, die ja teilweise gegensätzlich ist und nicht-eindeutig. Ich glaube, dass Sprachenlernen ganz stark dazu beitragen kann, mit der Vielfalt in der Welt und der Andersartigkeit umgehen zu lernen.

Eva: Die kärntnerslowenischen Dialekte sind ja geradezu exemplarisch ein Beispiel dafür. Durch die Abgeschiedenheit vom restlichen slowenischen Sprachgebiet – Stichwort Karawanken – und den jahrhundertelangen Kontakt mit dem Deutschen hat sich ja eine ganz spezifische Form des Slowenischen herausgebildet.

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Hinter den Bergen

Nada Zerzer: Ja, genau, meine Sprache ist eine ganz besondere Form des Slowenischen, ein ganz feiner Ausschnitt innerhalb des Slowenischen. Und bei der Sprachweitergabe an meine Kinder geht es mir darum, dass sie dieses sehr spezifische Idiom unseres Ortes kennenlernen sollen, weil es gerade dieser kleine Ausschnitt aus dem großen Repertoire an Slowenisch ist, der für mich so wertvoll ist – gerade als Angehörige einer Minderheit, die ihre territoriale Existenzberechtigung hier auf österreichischem Boden seit vielen Jahrzehnten immer wieder rechtfertigen muss. Der Dialekt steht quasi für unsere Verbundenheit mit dem Ort, mit der Region. Ich kann dir gar nicht sagen, wie oft wir in meiner Jugendzeit in Klagenfurt gehört haben: „Geht’s doch zurück über den Loibl, geht’s doch über die Karawanken, zurück nach Slowenien!“ Da wurde diese örtliche Verbundenheit mit Kärnten so in Frage gestellt. Bei mir hat das bewirkt, dass ich mich mit dem Ort noch stärker verbunden gefühlt habe. So nach dem Motto: „Du kannst mich nicht wegschicken, denn ich bin von da!“

Eva: Ein Argument, das auch in anderen Minderheitenregionen gerne verwendet wird: So sagt eine deiner Gesprächspartner*innen in Slowenien mi smo bili vedno tukaj – „Wir waren immer hier“.

Nada Zerzer: Ja, genau. Und für mich heißt das schon auch, dass ich diesen Dialekt, den ich zuhause gelernt habe, besonders wertschätze, und dass ich genau darauf Wert lege, dass meine Kinder das können. Wenn man es mit einem strengen Auge betrachtet, sind diese kärntnerslowenischen Dialekte ja schon ein sehr skurriles Konstrukt: Mitten im 21. Jahrhundert in einem der reichsten Länder der Welt mit hohem Industrialisierungsgrad und modernen Technologien wird eine Sprache gesprochen, die in ihrer Entwicklung vor 150 Jahren stehen geblieben ist. Genauer gesagt, in ihrer technologischen Entwicklung, in ihrer Terminologie. Für Werkzeuge zur Feldarbeit, die unsereiner nicht mehr unterscheiden kann,gibt es dutzende Begriffe. Für uns ist es ein Stiel mit einem Metallteil zum Bearbeiten der Erde, und da endet die Fachkompetenz schon. Dafür gibt es keine Begriffe für die neuesten technologischen Spielzeuge. In Wahrheit gibt es im Dialekt nicht mal einen Begriff für den Kühlschrank. Wir sagen kilšronk dazu und die Waschmaschine ist die bošmašina. Außerdem sagen wir tifkültruha und miksar und so weiter.

Eva: Diese offensichtliche Durchdringung der kärntnerslowenischen Dialekte mit deutschen Wörtern hat ja dazu geführt, dass in der Zwischenkriegszeit sich dieses Konzept des Windischen etablieren konnte. Die Windischen wurden von einer deutschnationalen Wissenschaft erfunden, um einen Keil zwischen die Kärntner Slowen*innen zu treiben: Auf einmal gab es die ‚deutschfreundlichen‘, ‚assimilationsbereiten‘ Windischen, deren Sprache eh schon mehr Deutsch als Slowenisch ist. Im Gegensatz dazu standen die ‚radikalen‘ Nationalslowen*innen, gegen die weiterhin munter gehetzt wurde und die im Zweiten Weltkrieg deportiert und ermordet wurden.

Nada Zerzer: Ja, im Konzept des Windischen wurde diese Idee des Unreinen, des Hybriden, des Zusammenfließens hochgradig missbraucht. Im Prinzip ist eine politische Vergewaltigung erfolgt. Echt perfide. Das Konzept des Windischen ist als Brücke zur Assimilation genutzt worden, und das hat funktioniert. Das hat funktioniert. Es ist den Leuten erfolgreich eingeredet worden, es sei nicht Slowenisch, was sie sprechen, und insofern brauchen sie dieses Slowenisch ja nicht pflegen. Schon gar nicht brauchen sie Schulen fordern. Ein unnützes, minderwertiges Misch-Masch halt.

Eva: Dabei ist ja gerade diese Nicht-Eindeutigkeit, die Durchmischung das Besondere daran. Dass Slowenisch aufgrund historischer und geographischer Umstände stark vom Deutschen beeinflusst wurde – und zwar nicht nur die Dialekte, sondern auch die Standardsprache –, macht es so einzigartig.

Nada Zerzer: Was mich ja sehr interessieren würde, ist, warum und wie du eigentlich Slowenisch gelernt hast. In Kärnten Slowenisch zu lernen, ist – zumindest in meiner Wahrnehmung und ich weiß aus Gesprächen, dass diese Wahrnehmung von anderen geteilt wird – nach wie vor ein politischer Akt und ein Akt der Solidarität. Das geht weit über das hinaus, was gemeinhin unter Fremdsprachenlernen verstanden wird.

Eva: Ja, das stimmt, so habe ich das auch immer empfunden. Aber das ist eine lange Geschichte, die ich mir lieber für ein anderes Mal aufhebe…


Das Gespräch fand am 21. Dezember 2016 im Café Rüdigerhof statt und ist hier gekürzt und überarbeitet wiedergegeben. Spet enkrat najlepša hvala, Nada, za tvoje iskrene in bistre besede!

Ein stark verkürzter Vorabdruck dieses Gesprächs wurde am 23. Februar 2017 auf dem Blog der Initiative Minderheiten unter dem Titel „Die Geographie der Zweisprachigkeit“ veröffentlicht.

Das Foto von Nada Zerzer stammt von hier.


Lust auf Slowenisch bekommen?

Verständlich! 😉 Slowenisch lässt sich in Wien z. B. im Klub slowenischer Student*innen in Wien oder auf der Volkshochschule lernen. (Auf Anfrage auch im Kaffeehaus mit mir.)


Literaturquellen:

Zerzer Nada (2003): Erinnerungskultur und Konstruktion öffentlicher Räume. Diplomarbeit, TU Wien

Zerzer Nada (2009): More Language(s) – More Space(s)? Reflections on the Representation of Heteroglossia and Minority Languages in the Alpe-Adria Region. In: Annales, Ausgabe 19/1. Online verfügbar.

Zerzer Nada (2011): ‚…but we have always been here.‘ Visible and Invisible Representation of Heteroglossia and Minority Languages in the Alpe-Adria Region. In: Mörtenböck Peter, Mooshammer Helge (hrsg. 2011): Space (Re)Solutions. Intervention and Research in Visual Culture. Bielefeld: transcript

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