Geschichte

Ein Gemeindebau als Burg: der Karl-Marx-Hof in Heiligenstadt

gepostet von Stadtstreunerin 29. April 2017

Eigentlich ist er weder der größte Wohnbau Wiens noch der schönste. Trotzdem ist der Karl-Marx-Hof in Heiligenstadt einer der herausragendsten Gemeindebauten in ganz Wien – er ist das Symbol schlechthin für die Wohnungspolitik des „Roten Wien“ der Zwischenkriegszeit. Auf zu einer Erkundungstour rund um den Karl-Marx-Hof!

Damals

Schon in der Volksschule lernten wir über den Karl-Marx-Hof, dass die markanten Balkone des Mitteltrakts für verbindende Arme stehen, die Gemeinschaft und Zusammenhalt ausdrücken sollen. Ob das wirklich die Intention des Architekten Karl Ehn gewesen ist, bleibt aber Spekulation. Der Karl-Marx-Hof war jedenfalls weder der erste noch der letzte Gemeindebau des umtriebigen Architekten: Zwischen 1924 und 1952 entstanden in Wien zahlreiche Bauten unter seiner Federführung.

Der Karl-Marx-Hof wurde zwischen 1927 und 1930 auf dem Gelände der ehemaligen Hagenwiese – ein Grünstreifen voller Schrebergärten – errichtet. Um das ursprüngliche Areal zumindest ein wenig zu erhalten, entschied man sich für eine sehr niedrige Bebauungsdichte – nur circa 18% der Grundstücksfläche sind verbaut! In Zeiten zahlreicher zubetonierter Innenhöfe wirkt die Anlage heute angenehm großzügig.

Die ursprünglich 1.382 Wohnungen wurden so gebaut, dass jede Wohnung über einen Wasseranschluss und ein WC verfügte. Zum Duschen und Baden standen in den „Tröpferlbädern“ 30 Brausen und 20 Wannen zur Verfügung – ein bescheidener Luxus angesichts 6.000 Bewohner*innen, aber trotzdem ein deutlicher Fortschritt gegenüber der damals üblichen Wohnbauweise.

Heute kaum noch vorstellbar ist das Ausmaß der Provokation, das die Anlage zur Zeit ihrer Errichtung für die konservativeren Bevölkerungsschichten darstellte. Die christlich-soziale Propaganda stellte den Bau sogar als einsturzgefährdet dar: Der Karl-Marx-Hof galt als eine sozialdemokratische Festung, ein Waffendepot, ein roter Keil mitten im Herzen des bürgerlichen Döbling.

Obwohl der Karl-Marx-Hof so mächtig wirkt, stellte er sich in den Februarkämpfen von 1934 nicht gerade als wehrhafte Burg heraus: Die aufständischen Arbeiter*innen und der Schutzbund verschanzten sich im Karl-Marx-Hof, mussten sich aber nach Kanonenschüssen durch das Bundesheer und die Heimwehr bald geschlagen geben. Eine Tafel und der Name des zentralen Platzes – 12.-Februar-Platz – erinnern noch heute daran. 

Angebracht waren die konservativen Schreckensszenarien trotzdem nicht. Denn der Karl-Marx-Hof hielt – trotz größerer Schäden – den Februaraufständen genauso stand wie der Bombardierung im Zweiten Weltkrieg und so gilt heute noch, was Bürgermeister Karl Seitz anlässlich seiner Eröffnung am 12. Oktober 1930 gesagt hat:

Wenn wir einst nicht mehr sind, werden diese Steine für uns sprechen.

Im Zweiten Weltkrieg wurde der Hof übrigens in Heiligenstädter Hof umbenannt und 66 Familien wurden daraus vertrieben, von denen 29 Personen im Holocaust ermordet wurden. An diese tragische Geschichte erinnert heute eine versteckte Gedenktafel. Viel leichter zu finden ist das im ehemaligen Waschsalon eingerichtete Museum mit einer Dauerausstellung zum Roten Wien.

Daneben fallen im und um den Karl-Marx-Hof verschiedene Statuen und Gedenktafeln auf. Die meisten davon sind eher dezent, wie die Bronzefigur Sämann des Bildhauers Otto Hofner in der Mitte des Mittelteils.

Über den Torbögen sind vier Keramikfiguren von Josef Riedl angebracht, die für Freiheit, Fürsorge, Aufklärung und Körperkultur stehen und das Gemeinschaftsverständnis der damaligen Sozialdemokratie zum Ausdruck bringen. 

Und heute?

Der Karl-Marx-Hof ist eine kleine Stadt in der Stadt mit Kindergärten, Beratungsstellen, Geschäften, einer Filiale des Stadtgartenamts und verschiedenen Restaurants. Auch die Umrundung des Gebäudes ist schon ein kleiner Stadtspaziergang: Fast vier Straßenbahnhaltestellen lang erstreckt sich der Hof in Heiligenstadt.

Über dem Areal liegt eine angenehme Ruhe, die Obstbäume in den Höfen blühen in voller Pracht, Hunde werden ausgeführt und auf den Parkbänken sitzen Eltern und beobachten ihre Kinder. Auffallend ist die individuelle Gestaltung der Balkone, die von kahl über geschmacklos bis heimelig reicht. Auf den hübschen blauen Laternen finden sich zahlreiche Sticker, die sowohl auf den Karl-Marx-Hof selbst als auch auf das nahe Fußballstadion Bezug nehmen. 

Nachdem hier alles harmonisch aufeinander abgestimmt ist – bis auf die Balkone vielleicht 😉 -, empfiehlt sich der Erwerb einer passenden Wegzehrung. Und nach einer gemütlichen Pause kann es schon wieder weitergehen – auf zu weiteren Entdeckungen!


Literaturquellen:

Harald A. Jahn (2014): Das Wunder des Roten Wien. Zwischen Wirtschaftskrise und Art Déco. Band I. Wien: Phoibos Verlag

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