Gedichte

Hanslschliaffa und Kamün – ein Hoch auf die Gstättn!

gepostet von Stadtstreunerin 21. August 2016
Bild einer lila Blüte

Die Ordnung einer Stadt: Häuser und Straßen, Parks und Gassen.
Dazwischen aber – leere Flächen, Brachstellen, wuchernde Pflanzen.

Eine Ode an die Gstättn, eine selten wertgeschätzte Bruchstelle im Gefüge der Stadt. 


H. C. Artmann (1921-2000), der grandiose Wiener Vorstadtdichter aus Breitensee, hat in dem Gedicht i won zimlech weit draust die Merkmale einer typischen Gstättn beschrieben, auf der ein Herr Dworschak seinen Lagerplatz eingenommen hat. Wild wachsende Pflanzen, herumpickende Hühner und ein krähender Hahn, Tierchen wie Ohrenschlüpfer und Asseln, Baumaterialien in Form von Ziegeln, Mörtel, Teer und Holz finden sich da. Hollerstauden gehören natürlich auch dazu, ebenso wie das Ausgesetztsein gegenüber dem Wetter. Am Ende des Gedichts klingt an, dass Herr Dworschak hier auch sein Grab gefunden hat, was der Gstättn etwas Morbides verleiht – auch Verwesung und Tod sind ihr nicht fremd. Wienerischer kann man eine öde Brachfläche wohl nicht beschreiben…

i won zimlech weit draust

i won zimlech weit draust
geng schdaahof zua —
anahoeb schdund fost
fon schdeffansbloz wek . .

waun e en suma z laung aufbleib
so bis zwaa oda drei in da frua
do lost me da hau fon wisawii
nima r eischloffm —
so schreid a r und singd a
aus seina holaschdaun ausse . .
(wisawii is en hean dwoaschak
sei logabloz . .)

hinta da blaunkn fon den logabloz
woxn grodnbledschn und brenesln
woxn d hendln und da hau
woxn d uanschliaffa und d ostln
woxn d ziagln und s mäuta
woxt da gruch von deea
und frischn hoez
woxt da schnee und da reng
und de sun aus de holaschdaun ausse
de wos hinta dera blaunkn
aus n hean dwoaschak sein grob
aussewoxn . .

i won zimlech weit draust
geng schdaahof zua
und do lost me eftas da hau
en da frua nima r eischloffm . . .

(Worterklärungen: grodnbledschn = große, breite Pflanzenblätter, ostln = Asseln, mäuta = Malter/Mörtel)


In einem anderen Gedicht namens no und waun scho greift Artmann das Motiv der Gstättn wieder auf und stellt es erneut in einen Zwischenraum, wo zwischen Ruhe und Tod schwer unterschieden werden kann. Die Gstättn ist hier fast so was wie ein Sehnsuchtsort, ein letzter Fluchtpunkt, wo von besseren Zeiten geträumt werden kann – solange nur kein Polizist kommt und den Ruhesuchenden aufscheucht. Die Hanslschliaffa, eine wilde Gerstenart, und die heilbringenden Kamillen bereiten ihm ein weiches Bett, die Ohren dienen als Decke. Na, und wenn schon! Ist doch auch nicht viel anders als ein Federbett, aber hier gibt es den Mond, den Regen – und das Gerümpel rundherum kann im Traum wunderbarerweise in Gold verwandelt werden.

no und waun scho

waun s aso weida ged med mia
daun wia r e boed
auf ana gschdetn fola kamün
und hanslschliaffa schloffm
auf ana gschdetn draustn
ausgschdregta r auf d hanslschliaffa
und de wachn kamün . .
und i wia dooling
en mond und en reng
und drama
das des oede eisn rund um mii
an goidwead griagt hod . .
no und waun scho!

is s feleicht schlecht
waun am drozzdem no
so an — zwa gschdetn iwableim
wo ma se hiihaun kaun und drama?
zun beischbüü unta da schdaahofabrukn
oda r en gangl hint bein lupusheim . .
es is do ee scho gaunz bowil
op s d jezt auf fedan büslsd
oda zuadegta met d uawaschln
auf d kamün und d hanslschliaffa . .
waun e daun a rostech wia r en da nocht
und munta fola dau bis auf d haud en da frua . .
hautsoch das me ka gschmiada wegt
und fuatschdampat
waun e grod so doolig und dram
das des oede eisn rund um mii
an xundn goidwead griagt . . .

no und waun aa scho!

(Worterklärungen: hanslschliaffa = Mäusegerste, lupusheim = Gebäude des Wilhelminenspitals, bowil = egal, büslsd = schläfst, gschmiada = Polizist)


Das Leben lässt sich grad noch irgendwie aushalten, wenn man ein, zwei Gstättn im Blick hat…

Ich habe da besonderes Glück: Direkt vor meiner Wohnung bietet ein verwildeter Abhang genau die richtige Dosis an Gstättn, um ein sogar halbwegs passables Leben führen zu können.

In meiner Kindheit nannten wir diesen Abhang einfach die Böschung und für uns Vorstadtkinder war er tatsächlich ein wildes Stück Paradies – zum Herumtoben, Geheimnisse austauschen, Fußball spielen, Streiten und unserer Fantasie freien Lauf lassen.

Bild einer Schieferplatte, darüber vertrocknete Blätter

Gstättncollage

Ich habe mich nach mehr als einem Jahrzehnt mal wieder hineingetraut. Was habe ich gefunden? Seltsame Gegenstände, jede Menge Stadtwildnis und viele Erinnerungen:

Leere Medikamentenpackerl, alte Festplatten, scheinbar funktionslose Rohre liegen da neben- und übereinander, dazwischen Kohlestückchen, Schieferplatten, leere Walnussschalen und Schneckenhäuser. Am unteren Ende steht immer noch ein Baum, den wir (nach dem damals sehr beliebten Disneyfilm Pocahontas) „Großmutter Weide“ tauften. Der Baum war unsere Basis für Entdeckungszüge durch die Böschung, Rückzugsort und Beobachtungsposten, wir hatten fast eine emotionale Beziehung zu ihm. Bei näherem Hinsehen mit dem gemeinen Blick, der den Erwachsenen eigen ist, musste ich aber eingestehen, dass es sich bei der „Weide“ lediglich um eine recht ausladende Hollerstaude handelt, deren wichtigster Ast heute abgeschnitten ist und die auch überhaupt nicht so groß ist wie in der Erinnerung.

Bild vom Baum, den wir "Gromutter Weide" tauften

Großmutter Weide

Auch meine persönliche Gstättn kennt die Verwesung: Da liegen abgeschnittene Äste herum, abgestorbene Efeublätter fristen ihr vertrocknetes Dasein, und unser Hausmeister lagert hier den Verschnitt vom Rasenmähen ab. Auf einmal riecht es stechend nach Hundekot. Aber dann flattert wieder ein Schmetterling vorbei und setzt sich auf eine blühende Distel, und eine Eidechse huscht aufgescheucht davon.

Bild einer blühenden Distel

Stachelblüte

Weiter oben am Abhang wuchern Windenpflanzen alles zu, wo wir Kinder früher regelrechte Trampelpfade hatten. Die Löcher im Zaun, durch die wir in das benachbarte Gelände krochen, sind auch längst geflickt. Dort gab es noch viel mehr zu entdecken – Container und Kabelrollen und eine große Linde, in deren Stamm Holzstücke hineingehämmert waren, sodass sie eine Treppe bildeten, auf der wir hinaufkraxeln konnten. Oben richteten wir in einem Astloch einen Briefkasten ein, in dem wir Zettelchen austauschten. Eine meiner Kindheitsfreund*innen erinnert sich noch gut an den Tag, an dem wir in einem Container eine ganze Ladung von den damals populären Ybs-Heftln fanden, mit diesen seltsamen Comics drinnen und hunderten von Urzeitkrebsen. Aber es war immer ein wenig unheimlich dort, und die Eltern warnten uns: Ja nicht zu nahe! Geht ja nicht zu nahe an die Gleise der Westbahn!

Bild eines Blattes im Schatten, dahinter eine von der Sonne beleuchtete Steinplatte

Licht und Schatten

In meiner frühen Kindheit gab es dort noch ein Haus, in das mich mein Vater an einem Winterabend mal zu einer Ausstellung von Modelleisenbahnen mitnahm. Draußen war es kalt und still, drinnen aber heimelig, stickig und laut. Das Haus ist längst Geschichte, übrig geblieben sind nur schemenhafte Erinnerungen und ein Gefühl von Geborgenheit. Eine alte Lagerhalle gibt es hingegen nach wie vor, seit Jahrzehnten verlassen und mit Graffitis übersät. Früher fuhren da Güterwaggons hin und her und die Bremsen quietschten fürchterlich. Aber wir Kinder waren so sehr daran gewöhnt, dass wir den durchdringenden Lärm fast völlig ausblenden konnten.

Bild eines Schneckenhauses

Raum und Rückzug

Die Böschung bot unendlich viel Raum für uns. Es gab eine Steinplatte, auf der wir vor allem im Winter, im Schnee, herunterrutschten. Dann war da ein kleiner Nadelbaum, an den man sich wunderbar anlehnen konnte, weil er sich so weit nach hinten bog. Eines Tages stellten wir einen Tisch auf die Wiese und machten eins auf Gstättnrestaurant, bis uns eine Nachbarin verscheuchte. Ich weiß heute noch, wer das war – solche Störungen am Sehnsuchtsort vergisst man nie! 

Bild einer Steinplatte, auf der wir als Kinder herunterrutschen konnten

Improvisierte Rutsche


Literaturquelle:

Artmann Hans Carl (1973): med ana schwoazzn dintn. gedichta r aus bradnsee. Salzburg: Otto Müller Verlag

Wer sich mit dem Lesen schwertut: Laut vorlesen bzw. noch besser: Laut deklamieren!


Gstättnliebe

Ein Herz für die Gstättn!

Weitere Beiträge

Hinterlasse einen Kommentar

*