Gedichte

Die Einhornente auf der Müllhalde – ein urbanes Märchen

gepostet von Stadtstreunerin 24. März 2017

Hüpf, hüpf. Das macht vielleicht Spaß!
Quietsch. Wie toll ist die Welt!
Da, eine rostige Schraube. Nicht schlecht! Ich gleite darüber.
Und jetzt? Eine Steinplatte! Perfekt zum Rutschen! Hui!
Oh, und eine Scherbe. Die kann ich als Spiegel benutzen!

Wie hübsch ich doch bin!
Ganz weiß und glatt ist meine Haut. Und der Schnabel hat die perfekte Nuance von Orange.
Nicht zu dunkel, nicht zu hell. Ich werd trotzdem kurz mit dem Schnabelstift die Konturen nachziehen.
Zack! Schon passiert. Jetzt noch die Hornfeile herausholen und bisschen nachschaben. Oh ja. Den ganzen Staub von meinem Horn runterschaben.
Wo kommt der eigentlich her?
Wenn ich mich so umsehe, ist es schon ganz schön schmutzig hier. Hm.
Wie so eine Müllhalde. Vielleicht ist es eine Müllhalde? Na ja, egal. Mir gefällt es.
Nur meine sonst so leuchtenden violetten Nackenhaare sehen auf der Scherbe eher blass aus.
Schnell ein bisschen Haargel hervorkramen. So, zack. Gleich viel besser.
Und die Flügelchen ein bisschen aufplustern. Die Ohren aufstellen und nach vorne richten. Und immer schön die Augen offenhalten!
Ah, von wegen Augen. Ein bisschen mehr Wimperntusche könnten die schon vertragen. So.
Schon bin ich wie neugeboren.
Ach nein, halt! Den Schweif hätte ich beinahe vergessen. Meine langen, dichten, dunkelvioletten Schweiffedern. Oh, so schön. Aber sie gehören halt gut gepflegt. Machen ganz schön viel Arbeit! Hoffentlich habe ich irgendwo die Schweifcreme mit dabei.
So. Aber jetzt. Alles gut.
Jetzt kann ich mich ja dran machen, die Müllhalde, oder was immer das hier ist, richtig zu entdecken.

Huii! Hüpf, hüpf. So macht das Leben Spaß!
Oh, eine Kaffeemaschine. Schaut schon ziemlich alt aus. Was die wohl zu erzählen hat?
Ich lege mal ein Ohr an sie ran. Eine sehr tiefe, raue Stimme ist zu hören. Hilfe! Ich wollte doch nicht stören.
„Schleich dich, du mieses Stück Einhorn!“ höre ich da.
Ich bin schockiert. Dabei habe ich mich doch extra hübsch gemacht! Außerdem: Einhornente, bitte!
„Du bist viel zu bunt. Du tust meinen Augen weh! Geh weg!“
Na gut. Das lasse ich mir nicht zweimal sagen.
Was für eine frustrierte Kaffeemaschine! Sie tut mir leid.
Aber man kann alte Kaffeemaschinen halt nicht zu ihrem Glück zwingen. Tja.

Hüpf, hüpf, schon bin ich weg. Quietsch! Was kommt als Nächstes?
Ein altes Sackerl. Schon ganz zerlempert. Eigentlich sind es mehr ein paar dunkelblaue Fetzen, die mal ein Sackerl waren.
Ich höre es aus der Weite rufen: „Hallo, Einhorn, komm zu mir, du bist so schön!“
Oh, das höre ich aber gerne!
„Hallo, Sackerl!“, quietsche ich ihm zu und komme näher. „Was geht, was machst du?“
Aus der Nähe klingt die Stimme nicht mehr so freundlich, eher brüchig: „Ich liege hier nur so rum und warte, dass die Zeit vergeht.“
„Ach herrje“, sage ich. „Dir muss ganz schön langweilig sein. Soll ich dich hübsch machen?“
„Oh nein, bitte nicht! Wenn mich in diesem Zustand noch jemand angreift, löse ich mich endgültig auf. Ach, ach, ich armer Jammerfetzen!“
Ups! Das hat es eine Spur zu spät gesagt. Das Sackerl flattert mir vor der Nase davon, ein bisschen Schweifcreme am Henkel.
„Was habe ich dir gesagt!“, ruft es mir zu.
„Es tut mir so leid, armes Sackerl!“, schreie ich in den Wind.
„Ach was. Ich danke dir! Endlich bin ich erlöst!“, ist aus der Ferne zu hören.
Hach. Da kriege ich einmal Komplimente und dann so was!

Na gut. Weiter geht’s.
Hüpf, hüpf, hurra! Ich finde ein Holzbrett. Perfekt zum Herumtollen. Ich surfe ein bisschen auf den Holzrillen. Was für ein Spaß! Hin und her und wieder zurück.
Oh, ein Nagel. Huch.
„Pass auf, ich bin sehr spitz!“, sagt der Nagel. „Du bist nicht die Erste, die mir zu nahe kommt!“
„Oh weh, armer Nagel“, entgegne ich. „Warum diese Abwehrhaltung? Hat dir nie wer beigebracht, dass auch du Zuneigung und Liebe verdient hast?“
„Komm mir jetzt nicht auf meine alten Tage mit so einem Schwachsinn daher“, brummt der Nagel. „Und wer bist du überhaupt?“
„Ich bin ein bunte, lustige Einhornente und hüpfe durch die Welt!“
„Das sehe ich“, sagt der Nagel. „Aber hat dir noch niemand gesagt, dass das hier eine verdammte Müllhalde ist?“
„Ich habe es mir fast gedacht“, sage ich und blicke gen Himmel. Ganz theatralisch natürlich, mit Wimpernaufschlag. „Aber siehst du das schöne Blau dort oben?“
„Blau? Überall raucht und stinkt es doch nur. Und wir warten alle auf den Tag, an dem wir endgültig verrotten. Dann ist hier endlich Ruhe.“
„Ach was“, sage ich. „Wenn du die Welt so sehen willst, dann ist sie für dich auch so. Wirklich! Du bist nur ein Spiegel der Welt. Sieh dir doch an, wie hübsch ich bin! Und alles rund um mich finde ich auch großartig.“
Der Nagel sah an sich herunter. „Hm, das stimmt. Ich bin ganz dreckig und verrostet. Ich schäme mich. Ich bin so hässlich.“
„Das kriegen wir gleich wieder hin. Magst du? Ich habe alles für eine kleine Schönheitskur dabei.“
Zögerlich schaut mich der Nagel an. „Hm. Na gut.“
Ich mache mich ans Werk. Ein bisschen Schweifcreme da, ein bisschen Hornfeile dort. Am Schluss noch eine neue Lackierung mit dem orangenen Schnabelstift.
Der Nagel hält die Augen dabei fest geschlossen. „So, du kannst die Augen jetzt aufmachen!“, sage ich.
Ganz vorsichtig macht er ein Lid nach dem anderen auf. Er wirkt geblendet von dem neuen Glanz, den er nun trägt.
„Ich bin so schön! Was hast du gemacht?“
Oh! Er scheint ja echt gerührt zu sein.
„Ach, nur ein bisschen Schweifcreme und Hornfeile und Schnabelstift“, sage ich fast ein bisschen verlegen.
„Aber wie hast du gemacht, dass die Welt rundherum auch viel schöner aussieht?“
„Tja. Einhornentengeheimnis!“, lache ich.
„Komm, lass dich umarmen, du wunderbare, bunte Einhornente!“

Der Nagel und ich umarmen uns.
Wir blicken über das Land. Unser Land. Ein schönes Land.

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