Geschichte

Ein Betonmonster namens Flieder

gepostet von Stadtstreunerin 8. Oktober 2016

In der Gerichtsgasse im Herzen von Floridsdorf befindet sich ein monströses und gleichzeitig irgendwie unsichtbares Mahnmal an die schreckliche Zeit des Zweiten Weltkrieges in Wien. Unsichtbar bleibt der Betonklotz deswegen, weil er großteils von Pflanzen überwuchert ist und es keinen einzigen Hinweis auf seine Geschichte und Funktion gibt. Keine Erklärung, kein Name, nichts. Damit ist er Teil einer mangelhaften Gedenk- und Erinnerungskultur in Wien, die ausgerechnet die sichtbarsten Relikte des NS-Regimes so lange ignoriert, bis sie hoffentlich eines Tages einfach nicht mehr da sind. Ob das wohl funktioniert?

Gerichtsgasse, mehr nicht

21., Gerichtsgasse – das muss reichen

Was die Architektin Ute Bauer über die Wiener Flaktürme schreibt, gilt jedenfalls auch hier: „Man will weder in eine Abtragung noch in eine Umgestaltung investieren, sich mit ihrer Existenz weder abfinden noch radikale Änderungen anstreben.“ (Eine zutiefst wienerische Lösung eigentlich, oder nicht?)

Niemals vergessen?

Deswegen begnügt man sich offenbar damit, die Bauwerke für sich selber sprechen zu lassen. Aber die Aussagekraft der Architektur wird überschätzt – die Mahnung „Niemals vergessen“ ist den Tonnen an Stahlbeton nicht anzusehen. Schon gar nicht, wenn diese bunt bemalt wurden, wie es beim Bunker in der Gerichtsgasse der Fall ist. Doch so leuchtend können die Farben gar nicht sein, dass die Betonschichten nicht noch immer deutlich sichtbar hervorstechen.

Fassade Bunker Gerichtsgasse

Bunt bemalte Fassade des Bunkers

An einer Seite des Bunkers findet sich die Aufschrift „BRA Phasenverschiebung 95“ und etliche unzusammenhängende Buchstaben. Diese künstlerische Auseinandersetzung mit dem Bauwerk bleibt ebenfalls unerklärt.

Rätselhafter Klotz im Stadtbild

Aber nicht nur die Kunst am Bauwerk, auch der achteckige Stahlbetonbau selbst gibt noch Jahrzehnte nach seiner Entstehung Rätsel auf. Der Historiker Marcello La Speranza bezeichnet den Floridsdorfer Bunker als „Luftschutz-Sonderbauwerk“, das nicht eindeutig zugeordnet werden kann.

In einem einschlägigen Internetforum wird spekuliert, ob es sich um einen weiteren Flakturm handeln könnte. Dagegen spricht allerdings so ziemlich alles an dem Bauwerk: seine Größe, sein Umfang, seine Inneneinrichtung. Der Bau eines Flakturms wäre in den dünn besiedelten Gebieten nördlich der Donau außerdem nichts als Verschwendung der ohnehin raren Baumaterialien gewesen. Am freien Feld gab es zudem ja genügend Platz für Flakbatterien. Die umliegenden Industrie- und Werksgebiete wiederum besaßen ihre eigenen Luftschutzvorrichtungen. Es handelt sich bei dem Floridsdorfer Bunker also wohl um ein Zivilschutzbauwerk oder aber um einen Zufluchtsort für die Mitarbeiter*innen der nahen Straßenbahnremise.

Der Bunker ist fünf Stockwerke hoch, wobei die Decke über dem obersten Stockwerk eingestürzt ist, was man auf dieser Luftaufnahme hier ganz gut erkennen kann. Während die Umfassungsmauern im Durchschnitt 1,5 Meter dick sind, ist die Abdeckung des Bauwerks sehr dünn geraten – ein Hinweis darauf, dass das Gebäude nie fertig gebaut wurde. Denn so hätte es einem Bombenangriff sicherlich nicht standgehalten. Es gibt Gerüchte, wonach gegen Kriegsende das Schalungsgerüst abbrannte, sodass die Betondecke einstürzte. Wurde der Bunker überhaupt jemals seinem eigentlichen Zweck gerecht?

Eingang Bunker Gerichtsgasse

Zugemauerter Eingang

Ursprünglich besaß das Bauwerk mehrere Eingänge, von denen heute alle bis auf einen zugemauert sind. Auf der einzig verbliebenen Tür warnt ein Schild vor Lebensgefahr. Ob wohl diejenigen, die das Symbol für ein besetztes Haus an der Tür hinterlassen haben, tatsächlich in den Bunker eingestiegen sind? Der Bunker ist nämlich seit Jahrzehnten nicht mehr zugänglich. Außer Taubenkot, Gerümpel und eventuell Streusalz wird wohl auch drinnen nicht viel zu finden sein – angeblich wurden Inschriften wie Rauchverbot und Gasschleuse erst nachträglich für einen Filmdreh angebracht.

Eingang Bunker Gerichtsgasse

Besetzt?

Im Kern des Bauwerkes befindet sich allerdings ein Schacht, der durch alle Stockwerke durchgeht und möglicherweise als Munitionsaufzug gedacht war. Ein weiteres Rätsel gibt das völlige Fehlen von sanitären und anderen Einrichtungen auf. Wie der Hochbunker genutzt hätte werden sollen, kann deswegen nur vermutet werden. Anscheinend fehlen auch alle Pläne, die darüber Aufschluss geben könnten.

Bunkerrätsel

Bunkerrätsel

Zurück zur Natur

Laut einem Zeitungsbericht aus dem Jahr 1962 soll der Hochbunker während des Krieges den Tarnnamen ‚Flieder‘ getragen haben. Auf älteren Aufnahmen sieht man tatsächlich einige Fliederbüsche, die neben den Betonmauern angepflanzt waren. Heute wächst hier aber nur noch viel Efeu und wilder Wein. Stellenweise ist der Bunker schon so überwuchert, dass der Stahlbeton kaum noch zu sehen ist. Überhaupt scheint die Rückgabe des Bunkers an die Natur die einzig sinnvolle Funktion zu sein: An der Vorderseite wurden Vogelhäuschen aus Beton, an der Rückseite aus Holz montiert. 

Vogelhaus Bunker Gerichtsgasse

Der Bunker als Zuhause für Vögel

Außerdem hat sich der Bunker offenbar als Aufzuchtstation für Streunerkatzen bewährt. An einem der zugemauerten Eingänge liegt Stroh für ein kuscheliges Zuhause und Anrainer*innen sorgen für regelmäßige Mahlzeiten. Angeblich wird der Bunker deswegen auch Katzenburg genannt.

Katzenburg Bunker Gerichtsgasse

Stroh für Streunerkatzen

Die unmittelbare Umgebung des Bunkers ist übrigens auch bemerkenswert: Die Bauten rundherum sind passend grau in grau mit einigen wenigen Farbkontrasten gehalten. Auf eine mehr als hundert Meter lange, natürlich ebenfalls graue Wand hat jemand eine Parole gesprayt, die zwischen Weltkriegsbunker und Vorstadttristesse an etwas ganz Zentrales erinnert:

Leben Grafitti

Leben!


Literaturquellen:

Bauer Ute (2003): Die Wiener Flaktürme im Spiegel österreichischer Erinnerungskultur. Wien: Phoibos Verlag

Bouchal Robert, La Speranza Marcello (2012): Wien. Die letzten Spuren des Krieges. Relikte & Entdeckungen. Wien / Graz / Klagenfurt: Pichler Verlag

Weitere Beiträge

Hinterlasse einen Kommentar

*